Es ist eine Tatsache, dass uns die Moral nicht gerade anzieht, sei aus Gründen, die zum Teil neu sind, sei es vor allem aber aus Gründen, die über die Jahrhunderte hinweg Bestand haben. Es geht nicht nur um eine Ethik im weitesten Sinne, sondern auch um die Antwort auf einen ausdrücklichen Ruf Gottes, denn eine Befreiung kann als Last empfunden werden: «Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron. Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen sassen und Brot genug zu essen hatten.» (Exodus 16,2-3). Wir alle empfinden moralische Forderungen manchmal als Last; nicht umsonst bitten wir den Vater, uns nicht in Versuchung geraten zu lassen.

Kehren wir zur Grundlage der christlichen Moral zurück: Das ganze Gesetz sowie die Propheten sind an zwei Gebote gebunden: Gott mit ganzem Herzen zu lieben, und seinen Nächsten wie sich selbst (vgl. Matthäus 22, 37-40). Die Wurzel unseres Verhaltens ist also die Liebe zu Gott. Die Liturgie verweist uns aktiv darauf: «Allmächtiger, ewiger Gott, mehre in uns den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Gib uns die Gnade zu lieben, was du gebietest, damit wir erlangen, was du verheissen hast.» (Tagesgebet des 30. Sonntag im Jahreskreis, ich werde mich vielleicht in ein paar Monaten wiederholen). Mit anderen Worten: Was Gott von uns verlangt, mag mühsam erscheinen, aber wir lieben es, weil wir Gott lieben und ihn darum bitten, uns zu helfen. Indem wir über Gottes Handeln nachdenken und auf unseren Erlöser schauen, können wir erkennen, dass sein Joch sanft und seine Last leicht ist. (vgl. Matthäus 11,30).

+ Charles Morerod OP