Wir sind im Advent, der Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest. 60 Jahre nach Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils möchte ich mir anhand dieses Konzils Gedanken über das Fest machen.

Der Titel der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen gentium) vom 21. November 1964 zeigt den Stellenwert, den die Kirche Christus beimisst: „Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet“ (§ 1). Die zentrale Aussage ist, dass Christus das Licht der Völker ist. Dies veranlasst uns dazu, nicht nur an uns, die Gläubigen, zu denken, sondern ihn bekannt zu machen. Es folgt eine Aussage, die heute schwierig zu verstehen ist, nämlich dass „die Herrlichkeit Christi (…) auf dem Antlitz der Kirche widerscheint“: Auch wenn dies nicht immer offensichtlich ist, erkennen wir darin unsere Berufung. Jesus blieb nicht in der Krippe, vielmehr gründete er eine Gemeinschaft. Bitten wir ihn, dass man dies an uns erkennt! Stellen wir uns mit unserem ganzen Leben in seinen Dienst!

Viele erkennen weder, was ihnen die Menschwerdung des Sohnes Gottes bringen sollte, noch was ihnen die Kirche heute nützen könnte. Doch wenn es unser Bestreben ist, dass unsere Linke nicht weiss, was die Rechte tut (vgl. Matthäus 6,3), bleiben unsere vielfältigen Leistungen verborgen.

Das Konzil betont den wichtigsten Punkt der Menschwerdung. Es zeigt, in welchem Sinne Christus das Licht ist. Die zentrale Frage für uns – heute ergänzt durch ein steigendes Bewusstsein für unsere Abhängigkeit von der Schöpfung – ist die Erkenntnis, wer wir sind. Diese Frage wird in der Konstitution über die Kirche in der heutigen Welt (Gaudium et Spes, 7. Dezember 1965) angesprochen: „Was ist aber der Mensch? Viele verschiedene und auch gegensätzliche Auffassungen über sich selbst hat er vorgetragen und trägt er vor, in denen er sich oft entweder selbst zum höchsten Massstab macht oder bis zur Hoffnungslosigkeit abwertet, und ist so unschlüssig und voll Angst. In eigener Erfahrung dieser Nöte kann die Kirche doch, von der Offenbarung Gottes unterwiesen, für sie eine Antwort geben“ (§ 12.2). Und worin besteht diese Antwort? „Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf“ (Gaudium et Spes, § 22.1). Wir können viel reden und viele Werke tun. Doch wenn wir nicht auf Christus hinweisen, in der Überzeugung, dass jeder Mensch eingeladen ist, ihn mit Gottes Hilfe zu erkennen, verfehlen wir unsere Berufung: „Da nämlich Christus für alle gestorben ist (32) und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein“ (Gaudium et Spes, § 22. 5).

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe Weihnachten!

+ Charles Morerod OP