Am 30. Mai fand in Einsiedeln ein nationaler Tag des synodalen Prozesses statt, im Zusammenhang mit den diözesanen Prozessen (vergangene und zukünftige) und im Hinblick auf den europäischen und den römischen Prozess. Der Tag war geprägt von einem Gefühl der Hoffnung, die sich unterschiedlich ausdrückte. Von allem, was gesagt wurde, möchte ich einen Punkt in den Vordergrund stellen: die gegenwärtige Krisensituation, die in den Antworten auf die synodale Konsultation hervorgehoben wurde, zeigt, dass wir fast gezwungen sind, unser Leben und Handeln in Gottes Hände zu legen. Diese Überlegung ist kein umgekehrter Triumphalismus, sondern die einfache Erinnerung: «Wenn nicht der HERR das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen.» (Psalm 126 [127],1)

Die Heilsgeschichte zeigt uns, wie Gott von etwas ausgeht, das schwach ist und nicht als Ausgangspunkt geeignet erschien. Jesus kann sich als «die Wurzel und den Stamm Davids» (Offenbarung 22,16) und wie «das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, den Anfang und das Ende» bezeichnen (Offenbarung 22,13). Es ist klar, dass der Sohn Gottes der Anfang ist, «bevor» er der Nachkomme Davids ist, aber was bedeutet das für David? Zunächst hatte das Volk nach einem König verlangt, und Gott sagte zu Samuel: «Hör auf die Stimme des Volkes in allem, was sie zu dir sagen! Denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen: Ich soll nicht mehr ihr König sein.» (1 Samuel 8,7) Die Einsetzung eines Königs war nicht «vorgesehen». Nach Sauls Versagen schickt Gott den Propheten Samuel zu Jesse, der nicht einmal daran gedacht hatte, ihm seinen Sohn David vorzustellen (vgl. 1 Samuel 16,11). Gott wählt einen König aufgrund einer «lästigen» Bitte, und David wird König, obwohl nicht einmal sein Vater daran gedacht hatte, ihn dem Propheten vorzustellen. Die Rolle Davids setzte also voraus, dass es einen König gibt und dass er dieser ist: die Bibel stellt ihn uns nicht als vorhersehbares Produkt vorausgehender Statistiken vor. Und all das in einem Volk, das unter anderen und grösseren auserwählt wurde: «Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der HERR ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern» (Deuteronomium 7,7). Und am Ende ist der menschgewordene Sohn Gottes ein Nachkomme Davids (von Joseph, der sein Adoptivvater ist…) und wird kurz vor seinem Tod als Sohn Davids bejubelt werden (vgl. Matthäus 21,9).

Warum all diese Ausführungen? Gott lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass unsere Vorhersagen und Planungen ­ so nützlich sie auch sein mögen ­ uns nicht dazu befähigen, der Heilsgeschichte vorzugreifen. Wenn wir uns nur auf unsere Planungen verlassen müssten, wäre unsere Verkündigung der Frohen Botschaft wohl etwas verdunkelt. Aber wir vertrauen auf Gott und freuen uns über die Gegenwart des Heiligen Geistes! Ohne diesen Akt des Glaubens und der Hoffnung sollten wir nicht von einem synodalen Prozess sprechen.

+ Charles Morerod