Der Jahreswechsel weckt in mir keine grossen Emotionen mehr, zumindest nicht seit meiner späten Jugendzeit. Hingegen berührt mich der Wandel der Geschichte, der Gesellschaft und der Kirche sehr. Was im 2. Vatikanischen Konzil gesagt wurde, ist immer noch gültig: «Die Menschheit steht heute einer neuen geschichtlichen Epoche, die von tiefgreifenden und raschen Veränderungen gekennzeichnet ist und die sich allmählich in der ganzen Welt ausbreiten. Vom Menschen, seiner Vernunft und schöpferischen Gestaltungskraft gehen sie aus; sie wirken wieder auf ihn zurück, auf seine persönlichen und kollektiven Urteile und Wünsche, auf seine Art und Weise, die Dinge und die Menschen zu sehen und mit ihnen umzugehen. So kann man schon von einer wirklichen sozialen und kulturellen Umgestaltung sprechen, die sich auch auf das religiöse Leben auswirkt. » (pastorale Konstitution Gaudium et Spes über die Kirche der Welt von heute, § 4.2)

Seit dem 19. Jahrhundert erleben wir eine Beschleunigung der Zeit. Mir scheint, dass sich diese Entwicklung durch die Pandemie noch zugespitzt hat. Wir finden uns in einer Situation wieder, von der ich dachte, dass sie erst in 10 oder 20 Jahren eintreten würde: sie ermöglicht sowohl religiöse Entdeckungen und Wiederentdeckungen als auch eine relative Entfremdung (mehr oder weniger relativ, aber beschleunigt).

Ich glaube nicht, dass ich der einzige bin, der feststellt, dass wir uns wie in einer Zwangsjacke gefangen fühlen, obwohl es nicht alle gleich empfinden … Dies erzeugt eine gewisse Ungeduld in mir, die sich langsam, aber sicher, manchmal auch etwas unbeholfen (was mir leidtut), Bahn bricht. Viele unter euch spüren diese Auswirkungen seit einigen Monaten. Dies wird in den kommenden Monaten umfassend kommuniziert werden. In der Tat scheint mir, dass sich, was ich Ende 2014 am Ende meiner « pastoralen Orientierungen » geäussert habe, nicht mehr länger aufschieben lässt: « Wir werden einen Weg finden müssen, die Strukturen auf das wirklich Notwendige zu reduzieren, damit mehr Zeit bleibt für unseren eigentlichen Auftrag, der uns mit Freude erfüllt. » (Es tut mir leid, mich selbst zu zitieren, ich hasse es, doch wenn ich es nicht tue, wird es niemand tun). Die Langsamkeit kommt zum Teil aus dem Bedürfnis, das Kind nicht mit dem Bade ausschütten zu wollen: Die „Strukturen“ dienen dazu, eine gemeinsame Lösung anzustreben, und freudig aufeinander zu treffen. Doch auf die Dauer kann dies nicht die Dringlichkeit einer Veränderung überdecken. Und am Ende dieser « pastoralen Orientierungen » finden wir eine Orientierungshilfe: die Freude. Diese Freude kommt nicht von uns, sondern von der Gegenwart des Herrn. Wenn ich beobachte, was Menschen dazu bringt, die Kirche zu entdecken, sehe ich ein grundlegendes und beständiges Element: die Freude und die Gegenwart des Herrn. Wir sprechen von ihm, aber in seiner Gegenwart.

Ohne diese Wahrnehmung wäre es normal, sich von der Kirche abzuwenden. Der Jahreswechsel konzentriert sich auf die Gegenwart des Herrn: die Weihnachtsoktav, die mit dem Fest der Geburt Christi beginnt und am Hochfest der Gottesmutter Maria endet (sie zeigt die größte menschliche „Zusammenarbeit“ im Geheimnis dieser Gegenwart).

Als Geschenk zum Wechsel können wir mit Petrus sagen: « Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, steh auf und geh umher! » (Apostelgeschichte, 3,6). Dies ist auch mein Wunsch an Euch!

+ Charles Morerod OP