Im Jahr 2019 (vorgängige Vernehmlassung), und im Jahr 2020 (Kommuniqué, Wiederaufnahme 2021) hat die Schweizer Bischofskonferenz signalisiert, dass sie den Vorschlag der Ehe für alle wegen der Rechte des Kindes (und nicht auf ein Kind) nicht gutheissen könne, sich aber wegen der unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes «Ehe» zurückhalte: «Da die Zuständigkeit der katholischen Kirche in diesem Bereich in erster Linie bei der sakramentalen Ehe liegt, sieht die SBK davon ab, Stellung zu beziehen.»[1] Es wird immer deutlicher, dass die Zivilehe in der Vergangenheit von der christlichen Tradition beeinflusst wurde und dies heute immer weniger der Fall ist (obwohl es bei ihr nach wie vor um die Idee der Vereinigung zweier Menschen – nicht mehrerer – auf der Grundlage einer frei getroffenen Entscheidung geht). Die sakramentale Ehe betrifft unmittelbar die Eltern und die Kinder, die das Paar in die Welt gesetzt hat. Wir müssen diese fortschreitende Distanzierung zwischen den unterschiedlichen Bedeutungen zur Kenntnis nehmen und unsere eigene Rolle im gegenseitigen Respekt der jeweiligen Bereiche friedlich übernehmen. Der Einfluss unseres Glaubens und unserer Tradition auf die Gesellschaft nimmt in vielen Bereichen ab, und das ist nicht nur negativ, wenn wir auf unsere nahen Vorfahren hören, die ihre Kirche als Belastung für die gesamte Gesellschaft empfanden (wir bekommen diese Auswirkungen nun im Gegenzug zu spüren). Gleichzeitig haben wir angesichts dieser allgemeinen kulturellen Entwicklung die Pflicht, uns selber zu fragen, was wir an unserem eigenen Glauben vielleicht missverstehen, denn die Fragen der anderen können uns letztlich manchmal auch helfen: Man erinnert uns gerne daran, dass im Fall von Galileo Galilei diejenigen, die wir für «Feinde» hielten, uns sogar geholfen haben, die Bibel zu verstehen…

Eine weitere Frage, die uns beschäftigt: Ist die Kirche dem Staat und seinen gesundheitlichen Normen (Covid) passiv unterworfen? Diese Frage wird uns Bischöfen oft gestellt (übrigens auch dem Papst). Nach Schweizer Sitte sind die Kontakte umso besser, je respektvoller und diskreter miteinander umgegangen wird, und die Berücksichtigung religiöser Besonderheiten hat im Vergleich zum Beginn der Pandemie deutlich zugenommen. Im Namen der Religionsfreiheit haben wir Vorteile genossen, um die uns andere beneidet haben. In dieser Sache möchte ich zwei Elemente hervorheben: Wir respektieren jede Art von Gewissensfreiheit, und dies gilt auch für Personen, die die Impfung verweigern (sich aber noch testen lassen oder Gottesdienste besuchen können, die ohne Zertifikatspflicht angeboten werden). Andererseits besteht das Ziel der eidgenössischen Politik (und der Politik der Nachbarstaaten) darin, die Ausbreitung der Krankheit zu begrenzen, die sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft als Ganzes betrifft (indem das Virus eine grosse Anzahl von Menschen erreicht, kann es sich entwickeln und mutieren). Der Anteil der Menschen, die an schweren Formen der Krankheit leiden, ist unterschiedlich gross, je nachdem, ob sie geimpft sind oder nicht. Dem füge ich hinzu, dass wir eine besondere Verantwortung tragen: Es hat in der Tat Fälle gegeben, in denen religiöse Veranstaltungen Anlass für Ansteckungen waren, die zu Todesfällen führten (ich kann diese Aussage mit Namen belegen). Die Normen wurden nicht von den Bischöfen beschlossen, aber bei ihrer Anwendung kann ich mich nicht mit einer Nachlässigkeit abfinden, die mich für den Tod anderer verantwortlich machen würde. Andere Situationen haben mir ausserdem gezeigt, dass die Forderung nach unterschiedlichen Massstäben für die Kirche als die unseres Rechtsstaates ebenfalls zu Problemen führte.

Mit Sorge beobachte ich die gegenseitigen Abweisungen: Bei beiden Themen, die ich hier anspreche, sehe ich, wie Menschen eine der ihren entgegengesetzte Meinung heftig ablehnen. Diesbezüglich zeigt sich, dass das Evangelium eine demokratische Gesellschaft in ihren Wurzeln unterstützen kann, da die Feindesliebe selbst die Grundlage für gegenseitigen Respekt und gegenseitiges Zuhören ist.

+ Charles Morerod

[1] https://www.eveques.ch/mariage-civil-pour-tous/ vgl. auch https://www.bischoefe.ch/ehe-fuer-alle/