Wort des Bischofs

Allzu viel Hoffnung liegt gerade nicht in der Luft. Der Krieg im Kongo fordert seit Jahren Millionen von Toten – und das in grösster Gleichgültigkeit, aus einer Profitlogik heraus. Auch die Kriege in der Ukraine und in Gaza mögen einer solchen Profitlogik unterliegen (geht es schliesslich auch um Territorium), sie gehorchen aber zuallererst einer Logik des Hasses. Und dann ist da noch die Nachlässigkeit angesichts der globalen Erderwärmung, die die zukünftigen Generationen bedroht.

Trotzdem: Wir nennen das Kreuz unsere Hoffnung, unsere einzige Hoffnung (O Crux, spes unica). Gott ist Mensch geworden, um uns eine ganz andere Logik zu zeigen, die weder die des Profits noch die des Hasses ist. Aber ist es überhaupt vernünftig, Kriegsparteien zu sagen, dass sie ihre erbarmungslosen und in Beton gegossenen Logiken, ihre gegenseitigen Vergeltungsschläge überwinden müssen? Der Sohn Gottes bestellt wahrlich keine Engelslegionen ein: Er lässt sich töten, auch und gerade aus Liebe für seine Feinde. Was wie eine Niederlage aussieht, führt zum wahren Leben.

Lange galt «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Diese Regel erlaubte es immerhin, die Zahl der Racheakte zu begrenzen. Die Liebe für den Feind aber, das Gebet für ihn, das ist der Weg des Lebens, welcher derjenige vorgezeichnet hat, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Möge Ostern wirklich unsere Hoffnung sein!

+ Charles Morerod OP

Am 21. Januar hat der Papst das Jahr des Gebets eröffnet: «Die kommenden Monate werden uns zur Öffnung der Heiligen Pforte führen, mit der wir das Jubiläum beginnen werden. Ich bitte euch, das Gebet zu intensivieren, um uns darauf vorzubereiten, dieses Ereignis der Gnade gut zu leben und die Kraft der Hoffnung Gottes zu erfahren. Deshalb beginnen wir heute das ‹Jahr des Gebets›, ein Jahr, das der Wiederentdeckung des grossen Wertes und der absoluten Notwendigkeit des Gebets im persönlichen Leben, im Leben der Kirche und der Welt gewidmet ist.»[1]

Die Rede ist vom Leben der Kirche, von ihren Krisen und ihren Freuden, aber auch von den Erwartungen einer besorgten Welt. Darüber können wir miteinander nur sprechen, wenn wir zuerst mit Gott sprechen. Dieses Gespräch wiederum beginnt damit, dass wir auf ihn hören. Unser erster Beitrag ist also unser gemeinsames und unser persönliches Gebet. Die Einladung zu diesem Jahr ist eine gute Erinnerung, hören wir darauf!

+ Charles Morerod OP

[1] https://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2024/documents/20240121-angelus.html

Wir haben es gesehen und gehört: Die grösste «religiöse» Gruppe in der Schweiz sind nunmehr die Menschen ohne Konfession. Darüber bin ich selbstverständlich nicht überrascht, handelt es sich dabei doch bloss um die Fortsetzung einer Entwicklung, die ich seit meiner Jugendzeit beobachte. Wohl schon damals gehörte bereits ein Grossteil meiner Mitschüler zu dieser Gruppe. Hierfür gibt es sicherlich viele Ursachen, aber welche Mitverantwortung tragen wir selbst? Die Missbrauchsfälle haben diese Entwicklung sicher beschleunigt, sie liegt aber auch darin begründet, dass unsere Bezüge fremd, ja unverständlich geworden sind. So manches Mal wird uns vorgeworfen, wir seien erstarrt in einer Sichtweise, die 2.000 Jahre alt ist. Darauf sind unterschiedliche Reaktionen denkbar: 1. die Resignation, 2. der Rückzug in den Eifer kleiner Gruppen, 3. ein realistischer missionarischer Aufbruch.

Diese dritte Antwort wird Gegenstand meines nächsten Hirtenbriefs (am dritten Fastensonntag) und der nächsten diözesanen Weiterbildungstage sein. Was ist mit diesem Elan gemeint? Auf die Aussage, dass unser Bezugspunkt im ersten Jahrhundert begraben worden ist, können wir antworten, dass Christus lebt, dass es schön ist, bei ihm zu sein, und dass er auch heute noch eine Gemeinschaft um sich versammelt, der er sein Leben schenkt. Was keine Statistik zeigt – auch weil das nicht ihre Aufgabe ist –, ist die Freude, die die Menschen empfinden, die heute noch den Glauben entdecken (ich dagegen sehe sie, und zwar mit grosser Freude). Auch wenn ich mich wiederhole: Wenn wir uns mit dieser Statistik nicht einfachhin abfinden wollen, müssen wir zu lebendigen Gemeinden werden, zu denen man gerne zurückkehrt. Dazu müssen wir auch die Veränderungen in Kauf nehmen, die es für einen solchen neuen Aufbruch braucht.

+ Charles Morerod OP

Nicht selten denke ich über die letzte Generalaudienz von Papst Benedikt am 27. Februar 2013 nach. Sie bejaht die Freude und das Vertrauen: «In diesem Augenblick herrscht in mir eine grosse Zuversicht, denn ich weiss – wir alle wissen –, dass das Wort der Wahrheit des Evangeliums die Kraft der Kirche, ihr Leben ist. Das Evangelium läutert und erneuert, es bringt Frucht, wo immer die Gemeinschaft der Gläubigen es hört und die Gnade Gottes in der Wahrheit und in der Liebe aufnimmt. Das ist meine Zuversicht, das ist meine Freude.» Ich weiss um das grosse Privileg, welches ich geniesse: all die vielen Menschen zu sehen, wie sie den Glauben entdecken. Das ist eine grosse Ermutigung. Das ist die Kraft des Evangeliums, das im Zentrum des Lebens der Kirche steht.

Der scheidende Papst hat damals freilich auch die Schwierigkeiten gesehen: «Es gab auch Momente, in denen das Wasser aufgewühlt war und wir Gegenwind hatten, wie in der ganzen Geschichte der Kirche, und der Herr zu schlafen schien. Aber ich habe immer gewusst, dass in diesem Boot der Herr ist, und ich habe immer gewusst, dass das Boot der Kirche nicht mir, nicht uns gehört, sondern ihm. Und der Herr lässt es nicht untergehen; er ist es, der das Boot lenkt, sicherlich auch durch die Menschen, die er erwählt hat, denn so hat er es gewollt.»

Schauen wir in dieser Zeit zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr mit Glauben auf den Sohn Gottes, der gekommen ist. Er ist noch immer die Gute Nachricht. Bitten wir ihn, uns zu erneuern. Das ist mein Wunsch für uns alle.

+ Charles Morerod OP

Wir alle sind wieder einmal zutiefst betroffen von den neusten Meldungen über sexuellen Missbrauch. Verstärkt werden diese Nachrichten in meinem Fall noch durch die Begegnungen, die ich aufgrund meiner Funktion mache und in dessen Rahmen ich sowohl dass das Beste als auch das Schlimmste im Leben unserer Kirche zu sehen bekomme. Die Äusserungen von Opfern wie «Ich erkenne das Evangelium nicht wider in der Kirche» bewegen mich. Wir sollten solche Fragen, die das Ergebnis jahrzehntelangen, täglichen Leidens sind, als prophetischen Schrei verstehen. Propheten haben immer aufgewühlt… Der Satz, den ich als Bischof wohl am häufigsten zitiert haben werde, stammt von Bossuet und findet sich bei Journet: «Die Kirche ist gelebtes Evangelium». Das ist die einzig mögliche Antwort für Christen, denn das Evangelium ist kein Text, der vom Handeln getrennt werden kann.

Ich habe jedoch eine andere Sorge, die noch tiefer reicht. Die Menschen, die den Missbrauch sehen, sind empört. Bei einigen geht dies mit der Erfahrung einher, auch Gutes in der Kirche gefunden haben. Das ist gut! Den meisten aber fehlt diese Erfahrung, die ihnen in manchen Fällen auch nicht wirklich zugänglich ist. Das berührt unsere Glaubenskommunikation, die aufgrund ihrer Entfernung von der umgebenden Kultur immer unverständlicher wird, und zwar schon seit Jahrhunderten, aber heute mit beeindruckender Beschleunigung. Ich nehme auch für mich in Anspruch, was die Journalistin Laure Lugon Zugravu in der Ausgabe der Zeitung Le Temps vom 25. und 26. November sagte: «In den wenigen Metern, die den Kanoniker Salina von den Journalisten trennen, liegen tausend Jahre». Ich zitiere dies nicht, um Antoine Salina zu beschuldigen, der sich mutig einer unmöglichen Aufgabe unterzogen hat, sondern weil es uns alle betrifft. Wie sehr bemühen wir uns, in unserer Kultur über unseren Glauben zu sprechen? Wenn wir nicht verstanden werden, liegt dies dann an den Menschen, die sagen, dass sie uns nicht verstehen? Diese Frage ist unter den Katechumenen sehr spürbar: Da sieht man sehr schöne Entdeckungen, aber es gibt auch Missverständnisse und Abschiede (vorher oder nachher).

Angesichts des Horrors des Missbrauchs sollten wir in aufrichtiger Weise handeln, durch gute Aufklärungsarbeit. Aber zeigen wir durch unsere Taten und Worte auch, was unsere Kirche an Schönem birgt, und zwar so, dass dies auch erkennbar wird. Andernfalls werden wir nur negativ wahrgenommen.

+ Charles Morerod OP

Wir beginnen diesen Monat mit Allerheiligen. Es ist also das Fest aller Heiligen, insbesondere derjenigen, die nicht heiliggesprochen wurden und deren an keinem anderen Tag des Jahres gedacht wird. Im weiteren Sinne sind die Heiligen die Getauften. So spricht Paulus zum Beispiel von «allen Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind» (Philipper 1,1). Wir haben jedoch nicht den Eindruck, lebendige Heiligenbilder zu sein und als solche werden wir auch nicht wahrgenommen. Man kann jedoch heilig sein, ohne einer Karikatur der Heiligkeit zu entsprechen.

Allerheiligen ist eine gute Gelegenheit, sich des Geschenks unserer Taufe bewusst zu werden. In ihr werden wir aus Wasser und Geist geboren (vgl. Johannes 3,5). Bei der Taufe wird es so ausgedrückt: «Ihr seid eine neue Schöpfung in Christus.» Wir sind mit Christus vereint in seinem Tod und in seiner Auferstehung, wir nehmen am Leben Gottes selbst teil, auch wenn dies noch nicht klar ersichtlich ist. Wenn man sich dieses unendlichen Geschenks bewusst wird, erscheint die ganze Kirche in einem anderen Licht. Und wenn Allerheiligen oft mit dem Fest der Toten verwechselt wird, ist das kein völliger Irrtum, und im Übrigen folgt das eine Feste nicht umsonst auf das andere. Unsere Taufidentität, die uns zu «Heiligen» macht, stellt uns mit einem Fuss in den Himmel.

Die Taufe zu leben, beinhaltet das Bewusstsein, mit Christus, mit seinem Leben vereint zu sein. Lassen Sie uns diese schöne Berufung leben und darin wachsen: Diese Berufung ist auch unser Beitrag zum Frieden in dieser Welt, der so dringend benötigt wird.

+ Charles Morerod OP

Wir befinden uns in einem grossen Sturm, das Boot gerät heftig ins Wanken. Wird es untergehen? Was können wir tun? Ins Wasser springen und das Boot verlassen? Der Text aus dem Evangelium vom beruhigten Sturm begleitet mich in diesen Tagen besonders: «Und siehe, das Meer wurde so aufgewühlt, dass das Boot von den Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief. Da traten die Jünger zu ihm, weckten ihn auf und sagten: «Herr, rette uns! Wir sind verloren.». (Mt 8,23 f.)

Die Apostel sind nicht ins Wasser gesprungen. Sie wären wahrscheinlich ertrunken. Sie schrien zu Jesus, der bei ihnen war, und Er hörte ihren panischen Schrei.

Und auch heute noch fährt das von riesigen Wellen geschüttelte Boot weiter. Wir versuchen, so viel wie möglich zu rudern, das Wasser abzuschöpfen und mit den Segeln zurechtzukommen. Aber es hilft nichts… Wir können nicht alles in die Hand nehmen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Jesus im Boot sitzt.

Ein Grossteil der Besatzung und der Passagiere bleibt zuversichtlich und setzt seine Reise, die Teilnahme am kirchlichen Gemeinschaftsleben, mutig fort. Viele Glaubenszeugnisse und Vertrauenserfahrungen werden mir in diesen Tagen zu teil. Gemeinsam können wir uns nur daran erinnern, dass der Herr uns in stürmischen Gewässern nicht untergehen lässt, Er ist da, bereit zu handeln … Vielleicht ist es heute zu viel … Schreien tut gut … Der Sturm wird vorübergehen … VERTRAUEN!

DANKE den vielen Christ/innen, die uns ihre HOFFNUNG und ihre FREUDE am Glauben mitteilen!

Abbé Jean-Claude Dunand

Manchmal frage ich mich, wie ich die Kirche gestalten würde, wenn ich der Teufel wäre. Und um diese Frage zu beantworten, begnüge ich mich nicht damit, mich selbst zu betrachten, denn der Winkel wäre doch zu eng (der Winkel meiner Person, nicht meine Pflicht, die Gemeinschaft zu fördern). 1941 veröffentlichte C. S. Lewis den Rat eines älteren Teufels an einen jüngeren Teufel, wie man den Feind (der aus der Sicht des Teufels Gott ist) bekämpfen kann. Ein Ratschlag scheint mir ständige und sehr aktuelle Aufmerksamkeit zu verdienen: «Wir wollen, dass die Kirche klein ist, nicht nur, damit weniger Menschen den Feind kennen, sondern auch, damit die, die ihn kennen, die unruhige Intensität und defensive Selbstzufriedenheit eines Geheimbundes oder einer Clique erlangen. Die Kirche selbst wird natürlich stark verteidigt, und es ist uns noch nie ganz gelungen, ihr alle Merkmale einer Fraktion zu verleihen; aber untergeordnete Fraktionen innerhalb der Kirche haben oft bewundernswerte Ergebnisse hervorgebracht, seit den Parteien des Paulus und des Apollos in Korinth … »1. Nichts ist besser geeignet, um von der Kirche fernzuhalten, als das Nebeneinander von Gruppen, die mit ihrer eigenen Perfektion sehr zufrieden sind und sich nicht darum kümmern, Uneingeweihten etwas zu erklären. Jede dieser Gewissheiten ist eine Beleidigung der göttlichen Majestät.

+ Charles Morerod OP

1“We want the Church to be small not only that fewer men may know the Enemy but also that those who do may acquire the uneasy intensity and the defensive self-righteousness of a secret society or a clique. The Church herself is, of course, heavily defended and we have never yet quite succeeded in giving her all the characteristics of a faction; but subordinate factions within her have often produced admirable results, from the parties of Paul and of Apollos at Corinth” (C. S. Lewis, The Screwtape Letters, Collins, Fount Paperbacks, London, 1986, p.36).

Was ist unser Schicksal? Frieden auf dem Friedhof? Das ist eine offensichtliche Perspektive, aber es ist nicht das, was uns unser Glaube (und unsere Hoffnung) sagt: „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen“ (Weisheit 1,13-14). Christus gab sein Leben, damit wir leben, und man versteht dieses Erlösungswerk besser, wenn man auf die Jungfrau Maria schaut. Nicht ohne Fragen zu stellen („Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?”, Lukas 1,34), beginnt sie ja zur Menschwerdung zu sagen und uns mit einzuschliessen.

Am 15. August feiern wir die Aufnahme der Jungfrau Maria in den Himmel und finden darin einen Vorgeschmack auf das, wozu auch wir berufen sind. Auf Französisch wird im Eröffnungsgebet der Messe auf den Kolosserbrief (3,2) angespielt: „Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische“. Die Präfation bekräftigt, dass wir beim Anblick der Jungfrau Maria entdecken, was wir sind, was die Kirche ist: „Dem pilgernden Volk ist sie ein untrügliches Zeichen der Hoffnung und eine Quelle des Trostes“.

Vergessen wir nicht auf die Jungfrau Maria zu blicken, wenn wir die Kirche, die wir selbst sind, verstehen wollen!

+ Charles Morerod OP

Zu Beginn des Sommers werde ich mich darauf beschränken, den Hl. Thomas von Aquin, der sich mit Eutrapelie befasst, zu zitieren: «Wie der Mensch körperliche Ruhe zur Erholung seines Leibes braucht, der nicht ununterbrochen arbeiten kann, weil er nur begrenzte, auf bestimmte Leistungen ausgerichtete Kraft besitzt, so liegen die Verhältnisse auch auf Seiten der Seele, deren ebenfalls beschränkte Kraft für bestimmte Aufgaben angemessen ist. Wenn sie sich daher über das zuträgliche Mass hinaus für gewisse Tätigkeiten ausgibt, schindet sie sich ab, und dadurch ermüdet sie, vor allem, weil bei den geistigen Tätigkeiten zugleich auch der Körper in Anspruch genommen wird. Die Seele, auch die Geistseele, nimmt ja Kräfte in Dienst, die vermittels körperlicher Organe arbeiten. (…) Seelische Ruhe aber ist gleichbedeutend mit Vergnügen. (…) Daher muss man sich als Mittel gegen die Müdigkeit der Seele gewisse Vergnügungen gestatten, die die Hingabe an die Betätigung des Verstandes unterbrechen. So vernimmt man in den Väterlesungen, dass der selige Evangelist Johannes, als sich einige daran stiessen, dass er mit seinen Schülern spielte, einem unter ihnen, der einen Bogen trug, befohlen habe, einen Pfeil abzuschiessen. Als er das mehrere Male getan hatte, fragte er ihn, ob er ohne Unterbrechung damit weiterfahren könne. Er erhielt dann als Antwort: wenn er das ohne Unterbrechung tue, zerbreche der Bogen. Der selige Johannes erwiderte darauf, in gleicher Weise zerbräche der Geist des Menschen, wenn er nie von seiner Anspannung abliesse.» (Summa der Theologie, IIa IIae, Frage 168, Artikel 2).

So wünsche ich Ihnen gute Erholung!

+ Charles Morerod OP

Ich habe verschiedene Kommentare zu einem Artikel zum Weltjugendtag in der katholischen französischen Tageszeitung La Croix vom 26. Mai erhalten: «Die jungen Katholiken haben eine Übereinstimmung mit den vorherrschenden Werten aufgegeben.»

Gewiss, dieser Artikel bezieht sich auf Frankreich, das uns in Vielem nahe ist, sich aber auch in einigen Punkten unterscheidet, die direkt mit diesem Thema zusammenhängen. Katholikinnen und Katholiken fühlen sich dort häufiger von den Machthabern abgelehnt (vielleicht zu Recht), während dies in der Schweiz, die nicht von einer Revolution geprägt wurde, kaum der Fall ist. In der Schweiz gab es den Kulturkampf und konfessionelle Spannungen, doch das gehört weitgehend der Vergangenheit an, von der wir uns erholt haben. Vielleicht gehen wir hier das Risiko ein, das einem allzu friedlichen Konsens innewohnt …

Doch die im Artikel aufgeworfenen Fragen betreffen auch uns, denn wir müssen ein Gleichgewicht zwischen zwei Forderungen des Evangeliums finden.

Auf der einen Seite weist das Evangelium über uns hinaus, es stammt nicht von uns. Es lässt sich nicht aus einem aktuellen gesellschaftlichen Konsens ableiten: «Wir verkünden […],  was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Grosse, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.» (1. Korinther 2, 9.) Unsere Kultur ist geprägt vom Evangelium, aber sie ist nicht das Evangelium. Ohne ständige und immer wieder vertiefte Verkündigung wird das Salz fade werden (vgl. Matthäus 5,13). Jesus sucht nicht unbedingt nach einem allgemeinen Konsens. Er bezeichnet seine Gesprächspartner schon mal als «böse und treulose Generation» (Matthäus 12,39). Er ist «nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert» (Matthäus 10,34). Wir sollten nicht denken, dass das, was der ungestüme Paulus sagt, nicht auf unsere Zeit zutrifft: «Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung. Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden.» (2 Timotheus 4,2-4.)

Andererseits können wir nicht so tun, als ob Gott im Leben von Menschen abwesend wäre, die nicht zur kleinen Gruppe gehören, die wir selber definiert haben, indem wir uns in sie hineinbegeben haben. Als der heilige Paulus nach Athen kommt, findet er sich nicht in einem Milieu wieder, das ihm gefällt: «Während Paulus in Athen auf sie wartete, erfasste ihn heftiger Zorn; denn er sah die Stadt voll von Götzenbildern.» (Apostelgeschichte 17,16.) Dennoch begegnet er den Athenern positiv und stellt sogar eine gewisse, wenn auch diffuse, Gotteserkenntnis fest: «Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: Athener, nach allem was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.» (Apostelgeschichte 17,22-23.) Jesus fordert uns auf, positiv auf diejenigen zu blicken, die nicht «für uns» sind: «Da sagte Johannes: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb, und wir versuchten ihn daran zu hindern, weil er nicht mit uns zusammen dir nachfolgt. Jesus antwortete ihm: Hindert ihn nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.» (Lukas 9,49-50.) Bei den Jüngern gab es einen ängstlichen Rückzug, doch dies war noch vor dem Kommen des Auferstandenen und vor Pfingsten: «Als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!» (Johannes 20,19.)

Wir stehen in der Versuchung, aus Angst eine Festung um uns zu errichten. «Kirchenferne» Menschen (und Gott allein weiss, ob tatsächlich sie kirchenfern sind, oder nicht vielmehr wir selbst …) empfinden dies als verachtend. Wir würden dann Gefahr laufen, unsere Pflicht zu verfehlen, die darin besteht, ihnen zu verkünden, dass Gott sie liebt und dass Christus sein Leben für sie hingegeben hat. Ich fühle mich ein wenig an meinen Vorgänger, den heiligen Franz von Sales gebunden: «Seien Sie so sanft wie möglich und denken Sie daran: mit einem Löffel Honig fängt man mehr Fliegen als mit hundert Fässern Essig. Wenn man irgendetwas im Übermass geben muss, dann ist es Milde.» (Wenn jemand die Quellenangabe für mich findet, danke).

+ Charles Morerod OP

P.S. Schwester Anne-Françoise, Oberin der Visitandinnen in Freiburg, wies mich darauf hin, dass das Zitat nicht vom heiligen Franz von Sales stammt, auch wenn es an dessen Aussagen erinnert. Es ist nicht in der Ausgabe von Annecy (26 Bände) enthalten. Das Sprichwort findet sich bei «G. Torriano’s» im Jahr 1642, einer kleinen Sammlung von 650 Sprichwörtern.

Christ zu sein bedeutet, zu glauben, dass Gott sich uns offenbart hat (die Fülle der Offenbarung ist die Person Jesu Christi), und diese Offenbarung weiterzugeben. Es ist jedoch klar, dass die Weitergabe derzeit schwierig ist. Dafür gibt es viele Gründe, wie z. B. eine zunehmende Entfremdung der umgebenden Kultur von den Kategorien, in denen der Glaube ausgedrückt wird, oder unser unzureichendes Zeugnis, etc.

Ich möchte zwei Aspekte dieser Frage herausgreifen und im Licht des Zweiten Vatikanischen Konzils anschauen. Der erste Text, der von diesem Konzil veröffentlicht wurde, war die Konstitution über die Liturgie, Sacrosanctum Concilium, vom 4. Dezember 1963. Dieser Text zeigt die Verbindung zwischen der Liturgie und der Bibel auf, indem er beispielsweise sagt: «Um daher Erneuerung, Fortschritt und Anpassung der heiligen Liturgie voranzutreiben, muss jenes innige und lebendige Ergriffensein von der Heiligen Schrift gefördert werden, von dem die ehrwürdige Überlieferung östlicher und westlicher Riten zeugt» (§ 24). Wenn die Liturgie oft unverstanden ist, dann auch deshalb, weil die Bibel kaum bekannt ist: Daher sind auch die biblischen «Reminiszenzen», von denen die Liturgie überreich ist, unverständlich. Bibel und Liturgie gehen bei der Einführung in den Glauben Hand in Hand. Und ich war sehr überrascht (und erfreut) über die Reaktionen zu einer kürzlich gehaltenen Predigt, in der ich dies gesagt habe, obwohl es mir ziemlich offensichtlich erschien.

Dei Verbum, die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Offenbarungsgeschehen (18. November 1965), besagt, dass sich die von Gott gewählte Art der Selbstoffenbarung «sich in Tat [gestis] und Wort [ereignet], die innerlich miteinander verknüpft sind: die Werke nämlich, die Gott im Verlauf der Heilsgeschichte wirkt, offenbaren und bekräftigen die Lehre und die durch die Worte bezeichneten Wirklichkeiten; die Worte verkündigen die Werke und lassen das Geheimnis, das sie enthalten, ans Licht treten» (§ 2).Ein vorweggenommenes Echo dieses Satzes finde ich in der Enzyklika Ecclesiam Suam von Paul VI. (6. August 1964): «Das Geheimnis der Kirche ist nicht einfacher Gegenstand theologischer Erkenntnis, es muss eine gelebte Tatsache sein, wobei die gläubige Seele, noch bevor sie einen klaren Begriff davon hat, eine gleichsam mit der Natur gegebene Erfahrung haben kann» (§ 39). Was das christliche Leben ist, erfährt man nicht nur durch Worte, nicht nur durch das Wort (was ich gerade betont habe), sondern auch durch die Erfahrung des Eintauchens in das Leben der christlichen Gemeinschaft. Die Liturgie spielt hier eine entscheidende, aber nicht isolierte Rolle. Es muss auch möglich sein, die Früchte des Glaubens wahrzunehmen. Ich bleibe von einer Begegnung mit Menschen geprägt, die mit Verantwortlichen der Strassenpastoral ins Bischofshaus kamen. Einer von ihnen sagte (freundlich, aber ernsthaft), dass er, wenn in der Kirche von „Gemeinschaft“ gesprochen wird, «Ausschluss» versteht, weil der Blick der anderen ihm suggeriert, dass er «nicht gut genug» ist. Mit anderen Worten: Er hört schöne Worte, diese sind aber ohne die Gesten, die sie begleiten sollten; diese Worte werden nicht nur nicht aufgenommen, sie sind dadurch fast unverständlich. Im gesamten Leben der Kirche muss beides Hand in Hand gehen. Wenn das nicht der Fall ist, gibt es keine Weitergabe des Glaubens.

+ Charles Morerod OP

Derzeit ist es besonders offensichtlich, dass die Welt Hoffnung braucht. Besonders traurig macht mich, was ich über die Niedergeschlagenheit junger Menschen höre und die immer härteren Erfahrungen der Personen, die junge Menschen betreuen. Dabei haben wir eine Botschaft der Hoffnung. Wie können wir sie vermitteln?

Wie kann man das vernehmbar machen, was angesichts seiner kalendarischen Wiederholung umso gewöhnlicher erscheint? Ostern kommt jedes Jahr und kann gewöhnlich als Name für einen Urlaub wahrgenommen werden…

Da «das Offenbarungsgeschehen (…) sich in Tat und Wort (ereignet), die innerlich miteinander verknüpft sind» (Vatikanum II, Konstitution Dei Verbum, 2), sollten wir nicht vergessen, dass es nicht ausreicht, Ostern zu sagen. Es muss auch gezeigt werden, und das Fest der Auferstehung erscheint am besten im Rahmen des österlichen Triduums. Da «die Kirche das Evangelium ist, das weitergeht» (ich wiederhole mich so oft, dass ich die Referenz nicht mehr angebe), gilt es, die Bewegung des Triduums selber zu zeigen: Die Auferstehung bringt ihr Licht und ihren Trost zu den Menschen, denen zuerst die Füsse gewaschen wurden und die Liebe bis zum Kreuz gesehen haben.

Daher: Frohe Ostern, und unser Osterfest soll sich ausbreiten.

+ Charles Morerod OP

Die Fastenzeit beginnt mit einem Fasten und lädt uns ein, 40 Tage lang in einer einfachen, auf Gott und das Teilen ausgerichteten Perspektive weiterzumachen. Sicherlich sehen wir die Grenze von „guten Vorsätzen“ oder Fasten mit selbstbezogener Motivation (es ist gut für die Gesundheit, auch wenn die Perspektive des Teilens kaum berücksichtigt wird), aber wie lebt man diese Fastenzeit eigentlich?

Eine klare Perspektive wird uns zu Beginn der Fastenzeit gegeben, als Erinnerung an eine Einführung von Geboten: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig.“ (3. Mose 19,2). Wenn wir uns während der Fastenzeit verbessern und neu ausrichten, dann nicht nur, um mehr bei Gott zu sein, sondern wie er zu sein. Indem wir wie er sind, denken wir ans Teilen, denn wir lieben die Menschen, die Gott liebt.

Lasst uns heilig sein, weil Gott heilig ist. Es scheint ein Ideal zu sein, das außerhalb unserer Reichweite liegt; oder wir denken, dass einige Menschen, die anders als wir sind, es erreichen. Tatsächlich ist niemand so geschaffen, dass er durch die Kraft seiner guten Vorsätze heilig sein kann, heilig wie Gott. Wenn Gott dies von uns verlangt, ist es möglich, denn er weiss, dass „für Gott nichts unmöglich ist“ (Lukas 1,37).

Die Liturgie hilft uns, die Fastenzeit zu verstehen. Dies ist der Fall beim Tagesgebet der Donnerstagsmesse nach Aschermittwoch (die Orationen am Aschermittwoch konzentrieren sich mehr auf die Besonderheiten des Tages als auf die der Zeit):

„Herr, unser Gott, komm unserem Beten und Arbeiten mit deiner Gnade zuvor und begleite es, damit alles, was wir beginnen, bei dir seinen Anfang nehme und durch dich vollendet werde.“: Die Fastenzeit besteht nicht nur in der Abkehr von scheinbaren oder unvollständigen Quellen des Glücks, sondern darin, sich Gott zu überlassen. Verlassen Sie sich während der gesamten Reise auf seine Gnade. Er verlässt uns nicht, weil er uns liebt, und die Fastenzeit ist ein Grund zur Freude. Wenn wir sie ergreifen, brauchen wir kein Fastengesicht aufzusetzen: Freude offenbart die Gabe Gottes besser!

+ Charles Morerod OP

Während im deutschsprachigen Teil der Bistumsregion Freiburg (Deutschfreiburg) ein Verhaltenskodex eingeführt wird, erinnere ich mich an ein Treffen zum Thema sexueller Missbrauch in Lausanne. Eine Seelsorgerin sagte zu mir: «Wenn wir mit jemandem über spirituelle Themen sprechen, müssen wir uns immer fragen, ob wir seine Freiheit suchen.»

Das hatte mich getroffen und mich an John Henry Newman erinnert, der gleichzeitig mit Marguerite Bays heiliggesprochen wurde (was mich sehr gefreut hatte). Als Newman Oxford verliess, um in Littlemore über seine persönliche Entwicklung zu meditieren, wollten ihm einige Studenten folgen, deren Seelsorger er war. Doch er liess dies nicht zu. Später äusserte er sich zu dieser Situation folgendermassen: «Mein grosser Grundsatz war immer: ‹Leben und leben lassen›. Ich hatte nie die Gelassenheit oder die Würde, die eine Führungspersönlichkeit braucht. Bis zuletzt habe ich nicht erkannt, welchen Einfluss ich auf junge Männer hatte. In den letzten Jahren habe ich gelesen und gehört, dass sie mich sogar auf unterschiedliche Art und Weise imitiert hatten. Dessen war ich mir ganz und gar nicht bewusst gewesen. Ich glaube, meine engsten Freunde wussten nur zu gut, wie sehr ich davon abgestossen sein würde, als dass sie es mir zu sagen gewagt hätten.» (Apologia pro vita sua, Part 4. History of My Religious Opinions <from 1833 to 1839>)» (freie Uebersetztung).

Gott lässt uns frei, damit wir uns entscheiden können, auf seine Liebe zu antworten. Dies darf nicht zu einer Fotokopier-Spiritualität führen, bei der alle das gleiche Lächeln haben.

+ Charles Morerod OP

Während ich für den an Silvester verstorbenen ehemaligen Papst Benedikt XVI. bete, will ich an dieser Stelle zugleich meine Dankbarkeit ausdrücken für den Dienst, den er als Pontifex für die Weltkirche geleistet hat. Dazu zitiere ich drei Texte und erzähle zwei persönliche Anekdoten.

Am 24. September 2011 sprach Benedikt XVI. in Freiburg im Breisgau über die Situation der Kirche in Deutschland (aber das gilt ebenso für uns): «In Deutschland ist die Kirche bestens organisiert. Aber steht hinter den Strukturen auch die entsprechende geistige Kraft – Kraft des Glaubens an den lebendigen Gott? Ich denke, ehrlicherweise müssen wir doch sagen, dass es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt. Und ich füge hinzu: Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird [sic] alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben.» [1] Den Glauben erneuern bedeutet zu erkennen, was christliches Leben heisst.

Denn was ist die Wurzel des christlichen Lebens? Am Anfang seiner ersten Enzyklika – einem Grundlagentext – nennt Benedikt XVI. einen Punkt, den auch Papst Franziskus immer wieder aufgreift und der mir sehr zentral erscheint: «Wir haben der Liebe geglaubt: So kann der Christ den Grundentscheid seines Lebens ausdrücken. Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine grosse Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.» [2] (Enzyklika Deus caritas est, 25. Dezember 2005, § 1). Wenn man sich der Kirche vorab von einer moralischen oder strukturellen Seite nähert, erkennt man nicht, was sie ist. Die Kirche kann nur von Christus her verstanden werden. Daraus folgen dann moralische Konsequenzen und eine Struktur der Gemeinschaft, die er gegründet hat.

Kardinal Ratzinger wurde als ein Mann des Systems und als Verteidiger der Strukturen gesehen. Gewiss, er erfüllte gewissenhaft den ihm anvertrauten Auftrag in der Glaubenskongregation, aber im Wissen um die wahre Bedeutung der Strukturen. Er erklärte sie in einem leider zu wenig beachteten Text seiner Enzyklika Spe Salvi vom 30. November 2007: «Der rechte Zustand der menschlichen Dinge, das Gutsein der Welt, kann nie einfach durch Strukturen allein gewährleistet werden, wie gut sie auch sein mögen. Solche Strukturen sind nicht nur wichtig, sondern notwendig, aber sie können und dürfen die Freiheit des Menschen nicht ausser Kraft setzen. Auch die besten Strukturen funktionieren nur, wenn in einer Gemeinschaft Überzeugungen lebendig sind, die die Menschen zu einer freien Zustimmung zur gemeinschaftlichen Ordnung motivieren können. Freiheit braucht Überzeugung; Überzeugung ist nicht von selbst da, sondern muss immer wieder neu gemeinschaftlich errungen werden.» (§ 24) [3]. Das gilt für alle Strukturen, also auch für diejenigen der Kirche. Diese sind in sich wertvoll. Aber wie der Glaube selbst sind sie ein Angebot, dem in aller Freiheit zugestimmt werden soll, denn sonst wären sie dem menschlichen Wesen nicht angemessen. Wenn man diese Strukturen aber nicht kennt oder versteht, kann man ihnen nicht zustimmen und wendet sich von ihnen ab.

Zum Schluss noch zwei Anekdoten, die mir bezeichnend erscheinen. Als ich mit meinem dominikanischen Mitbruder Georges Cottier auf jemanden wartete, kam Kardinal Ratzinger vorbei. Cottier stellte mich auf eine Weise vor, die mir etwas zu positiv erschien, und ich sagte zum Kardinal: «Glauben Sie nicht alles, was er sagt!» Er antwortete mir fast ärgerlich: «Nein! Er sagt immer die Wahrheit!» Später verstand ich, warum er so reagiert hatte: Kardinal Ratzinger liebt die Wahrheit und er mag keine Schmeichler (P. Cottier sagte es ihm auch, wenn er mit etwas nicht einverstanden war!).

Bei anderer Gelegenheit sass ich in einer Jury, die einen Preis für eine Dissertation vergeben sollte. Kardinal Ratzinger, der die Jury präsidierte, sagte von sich, er habe seine Arbeit nicht gut genug gemacht (sic). Er fragte mich, was ich von den beiden historischen Schulen halte, die von der Zölibatspflicht der Priester in der römischen Kirche sprechen: die eine (bis vor 50 Jahren mehr oder weniger die einzige), laut der die Zölibatspflicht im 11. Jahrhundert entstanden sei, und die jüngere, die meint, dass sie von Anfang an angestrebt wurde, jedoch mit begrenztem Erfolg. Und der Präfekt der Glaubenskongregation sagte: «Ich weiss wirklich nicht, was ich von dieser Frage halten soll.» Ich war von der Bescheidenheit dieses Theologen beeindruckt, der sich in dieser Sache eigentlich viel besser auskannte als ich, und der dennoch in dieser heiklen Frage des kirchlichen Lebens zögerte. Ähnliche Beispiele gibt es mehr, und auch sein Rücktritt zeigte erneut diese Demut und seine Dienstbereitschaft.

Ich bete mit grosser Dankbarkeit für ihn und vertraue darauf, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser dieses Wortes, das Gleiche tun.

Wir bitten Gott, Frieden in die Herzen zu bringen, wo unser Handeln seine Wurzeln hat, auf dass 2023 ein gutes Jahr werde.

+ Charles Morerod OP

 

  1. https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2011/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20110924_zdk-freiburg.html
  2. https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20051225_deus-caritas-est.html
  3. https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20071130_spe-salvi.html 

 

Wir sind im Advent, der Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest. 60 Jahre nach Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils möchte ich mir anhand dieses Konzils Gedanken über das Fest machen.

Der Titel der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen gentium) vom 21. November 1964 zeigt den Stellenwert, den die Kirche Christus beimisst: „Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet“ (§ 1). Die zentrale Aussage ist, dass Christus das Licht der Völker ist. Dies veranlasst uns dazu, nicht nur an uns, die Gläubigen, zu denken, sondern ihn bekannt zu machen. Es folgt eine Aussage, die heute schwierig zu verstehen ist, nämlich dass „die Herrlichkeit Christi (…) auf dem Antlitz der Kirche widerscheint“: Auch wenn dies nicht immer offensichtlich ist, erkennen wir darin unsere Berufung. Jesus blieb nicht in der Krippe, vielmehr gründete er eine Gemeinschaft. Bitten wir ihn, dass man dies an uns erkennt! Stellen wir uns mit unserem ganzen Leben in seinen Dienst!

Viele erkennen weder, was ihnen die Menschwerdung des Sohnes Gottes bringen sollte, noch was ihnen die Kirche heute nützen könnte. Doch wenn es unser Bestreben ist, dass unsere Linke nicht weiss, was die Rechte tut (vgl. Matthäus 6,3), bleiben unsere vielfältigen Leistungen verborgen.

Das Konzil betont den wichtigsten Punkt der Menschwerdung. Es zeigt, in welchem Sinne Christus das Licht ist. Die zentrale Frage für uns – heute ergänzt durch ein steigendes Bewusstsein für unsere Abhängigkeit von der Schöpfung – ist die Erkenntnis, wer wir sind. Diese Frage wird in der Konstitution über die Kirche in der heutigen Welt (Gaudium et Spes, 7. Dezember 1965) angesprochen: „Was ist aber der Mensch? Viele verschiedene und auch gegensätzliche Auffassungen über sich selbst hat er vorgetragen und trägt er vor, in denen er sich oft entweder selbst zum höchsten Massstab macht oder bis zur Hoffnungslosigkeit abwertet, und ist so unschlüssig und voll Angst. In eigener Erfahrung dieser Nöte kann die Kirche doch, von der Offenbarung Gottes unterwiesen, für sie eine Antwort geben“ (§ 12.2). Und worin besteht diese Antwort? „Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf“ (Gaudium et Spes, § 22.1). Wir können viel reden und viele Werke tun. Doch wenn wir nicht auf Christus hinweisen, in der Überzeugung, dass jeder Mensch eingeladen ist, ihn mit Gottes Hilfe zu erkennen, verfehlen wir unsere Berufung: „Da nämlich Christus für alle gestorben ist (32) und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein“ (Gaudium et Spes, § 22. 5).

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe Weihnachten!

+ Charles Morerod

Vom 24. bis 28. Oktober erlebten wir in Valpré (Lyon) schöne Einkehrtage für Priester. Der Prediger, Mgrs. Nicolas Aubertin, Zisterzienser, ehemaliger Erzbischof von Tours und derzeitiger Kaplan in der Mageren Au (Zisterzienserinnen-Kloster in Freiburg), sprach über einige Aspekte des priesterlichen Lebens, einschliesslich der Schwierigkeiten. Die Einkehrtage waren eine sehr schöne Gelegenheit der geschwisterlichen Begegnung zwischen Menschen, die sich kaum kannten. Ich bin sehr glücklich zurückgekehrt.

Bischof Aubertin stellte uns einen Text von Pater René Voillaume vor, der an die Kleinen Brüder Jesu gerichtet war: Der «zweite Ruf» (veröffentlicht in seinen Lettres aux frafraternités, Editions du Cerf, 1960). Dieser Text ist nicht veraltet, weil er ein Thema behandelt, das nicht nur von den Umständen abhängt. Gewiss erleichtern die heutigen Umstände das Leben des Priesters nicht, ebenso wenig wie die Verkündigung des Evangeliums im Allgemeinen. Damit können sie eine Schwierigkeit verstärken, die dem Glaubensleben innewohnt. Aber diese Schwierigkeit ist im Glaubensleben vorhanden, und es ist auffällig, dass Heilige aus verschiedenen Epochen (Hl. Franz von Assisi, Hl. Theresa von Lisieux, Mutter Teresa…) Nächte des Glaubens durchlebten.

Der «zweite Ruf», von dem René Voillaume zu den Kleinen Brüdern sprach, ist eine Etappe der Berufung, die auch die Priester betrifft und im Zentrum der Dynamik des christlichen Lebens steht: «Das Risiko der Dauer ist für uns, wie für jedes menschliche Unternehmen, das Risiko einer gewissen Abnutzung des verfolgten Ideals und der zu seiner Verwirklichung unternommenen Anstrengungen, einer Abnutzung, die uns dazu bringen würde, in der Heiligkeit unsere Partei für die Mittelmässigkeit zu ergreifen.» Wenn wir nicht entmutigt werden oder uns mit einer Form von Verbitterung abfinden wollen, müssen wir einen Sprung weg von der Illusion machen, dass wir alles aus eigener Kraft bewältigen können. P. Voillaume zeigt die Radikalität des Themas folgendermassen auf: «Wenn wir diesen Schritt, diese Erkenntnis der radikalen Unmöglichkeit für die menschlichen Kräfte, ein übernatürliches religiöses Leben zu führen und Christus mit seinem Kreuz zu dienen, nicht offen angehen, laufen wir sehr Gefahr, entweder in eine latente Entmutigung zu verfallen oder uns selbst etwas vorzumachen, indem wir unser Ideal auf ein akzeptables, lebbares, mit einem Wort mögliches Niveau herabsetzen. (…) Wirklich, Jesus lässt uns bis zum Ende und auf unerwartete Weise die Unmöglichkeit erfahren, dem Weg zu folgen, auf den er uns verpflichtet hat!». Als Bischof Aubertin uns diesen Text vorstellte, war die Qualität des Zuhörens im Saal spürbar: Wir fanden uns in dieser Frage wieder, und die Feststellung dieser gemeinsamen Erfahrung im Glauben war paradoxaler Weise an sich eine Ermutigung . Wenn wir uns nicht auf Gott verlassen, verändert unser priesterliches Leben seine Natur und erfüllt uns nicht mit Freude. Aber Gott verlangt von uns nichts Unmögliches, da er selbst handelt.

Jesus zeigt uns eine Unmöglichkeit, die durch Gottes Handeln überwunden werden kann und das gesamte christliche Leben miteinschliesst: «Ja, ich sage euch noch einmal: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Himmelreich komme.» Als die Jünger das hörten, waren sie ganz erstaunt: «Wer kann denn gerettet werden?», sagten sie. Jesus schaute sie an und sagte: «Für Menschen ist es unmöglich, aber für Gott ist alles möglich»'“ (Mt 19,24­26).

Besonders bei Begegnungen mit Firmlingen fällt mir auf, dass die Sorge um die Zukunft sehr stark zugenommen hat. Wir können sie nicht ignorieren, indem wir mit einem falschen Lächeln so tun, als ob alles in Ordnung wäre. Aber die Weisheit des Kreuzes offenbart sich in jedem christlichen Leben, das sich nicht davor scheut, Gott zu vertrauen: Eine scheinbar unmögliche Situation enthält bereits das Licht der Auferstehung. Wenn wir unseren spirituellen Weg leben, können wir wirklich Zeugen der Hoffnung sein.

+ Charles Morerod

In Briefen von Firmlingen lese ich oft: „Ich bete, wenn ich etwas brauche“. In Diskussionen über den synodalen Prozess höre ich ziemlich oft, dass man die Menschen einladen soll, sich die Frage zu stellen: „Was bringt es mir, in die Kirche zu gehen?““. Natürlich ist keine der Fragen absurd, aber sie sind dennoch einseitig. Wir sollten auch eine umgekehrte Perspektive in Betracht ziehen. Der japanische buddhistische Philosoph Keiji Nishitani stellte 1961 in Bezug auf die Religion fest: „Vom Standpunkt des Wesens der Religion aus gesehen ist es ein Fehler zu fragen: ‚Was ist der Zweck der Religion für uns?‘ In dieser Frage wird eine Haltung deutlich, die nach einem Verständnis der Religion sucht, das losgelöst ist von der religiösen Suchbewegung. Die Frage muss durch eine andere Frage ersetzt werden, die aus dem Inneren der Person kommt, die sie stellt. Denn es gibt keinen anderen Weg, der zu einem Verständnis dessen führen kann, was Religion ist und welchem Zweck sie dient. Die Gegenfrage, die diesen Bruch herbeiführt, lautet: ‚Wozu existiere ich?‘ Wir können bei allem nach dessen Zweck für uns selber fragen, nur nicht bei der Religion. (…) Religion stellt die Position, von der aus wir uns selbst als das Ende und den Mittelpunkt aller Dinge denken, infrage und stellt dafür die Frage an den Anfang: ‚Wozu existiere ich?‘.“ (frei übersetzt aus der englischen Übersetzung, Religion and Nothingness, Berkeley/Los Angeles/London 1982, S. 2f.).

In eine spezifisch christliche Sprache übersetzt, wäre Nishitanis Ausgangspunkt das, was wir zu unserem Vater sagen: „Dein Wille geschehe“. Das ist es, was in uns eine Dezentrierung bewirkt, und ohne welche unsere zwischenmenschlichen Beziehungen immer Gefahr laufen, in Gewalt zu enden, wovon es allzu viele Beispiele gibt. Unter diesem Gesichtspunkt kann man die Frage „Was bringt es mir, in die Kirche zu gehen?“ aufgreifen und darauf hinweisen, dass gerade die Umkehrung dieser Frage der große Beitrag der Kirche zum Frieden unter den Menschen und mit der gesamten Natur ist.

+ Charles Morerod

Vor den Ferien möchte ich Ihnen zunächst wünschen, dass Sie sich die nötige Ruhe gönnen können. Dazu möchte ich hinzufügen, dass mir persönlich im letzten Jahr bewusst geworden ist, dass ich mehr Ruhepausen brauche, weil ich müder zurückkam, als ich losgefahren war, und ich nehme an, dass dies auch mit dem Alter zusammenhängen kann. Achten wir darauf, dass wir die Belastung durch Müdigkeit nicht zu spät bemerken. Da ich in der Ich-Form spreche, füge ich hinzu, dass ich beschlossen habe, radikalere Massnahmen zu ergreifen, um wenigstens einen Tag pro Woche im Ordinariat zu sein (um dort ohne Termine zu arbeiten, denn derzeit sind die wenigen Tage, die ich im Ordinariat verbringe, eine Aneinanderreihung von Terminen), damit sich die Verspätungen nicht häufen, und dass ich daher beschlossen habe, dienstags keine externen Verpflichtungen mehr anzunehmen): es scheint mir sinnvoll, Sie darüber zu informieren und Sie gleichzeitig um Verzeihung für die vielen Verzögerungen zu bitten, die Sie als mangelnde Aufmerksamkeit wahrnehmen könnten.

Bei der Beerdigung von Abbé Paul Dévaud zitierte Abbé Martial Python eine sehr schöne Anekdote, die er von einer der Schwestern des Verstorbenen erhalten hatte (wir wissen, wie nahe sie sich standen). Vor einigen Jahren sass Abbé Dévaud mit seinen Schwestern im Zug, und zwei Jugendliche neben ihnen sprachen über den Tod. Einer der Jugendlichen versuchte, den anderen davon zu überzeugen, dass man nach dem Tod ein grosses Licht am Ende eines Tunnels sehe. Irgendwann wandten sich die beiden Jugendlichen an Abbé Dévaud und fragten ihn, was er von der Frage halte. Er antwortete (wahrscheinlich ziemlich genau, obwohl die Antwort über drei Ecken überliefert ist): «Ich bin nicht daran interessiert, etwas (Licht) zu sehen. Ich möchte jemanden sehen. Und ich weiss, wer das ist: Jesus Christus. Und er ist schon da, und das ist schön!» Ich finde, dass diese Antwort, deren Spontaneität das Leben und das Gebet der Person ausdrückt, eine ausgezeichnete Zusammenfassung des christlichen Glaubens ist.

+ Charles Morerod

Am 30. Mai fand in Einsiedeln ein nationaler Tag des synodalen Prozesses statt, im Zusammenhang mit den diözesanen Prozessen (vergangene und zukünftige) und im Hinblick auf den europäischen und den römischen Prozess. Der Tag war geprägt von einem Gefühl der Hoffnung, die sich unterschiedlich ausdrückte. Von allem, was gesagt wurde, möchte ich einen Punkt in den Vordergrund stellen: die gegenwärtige Krisensituation, die in den Antworten auf die synodale Konsultation hervorgehoben wurde, zeigt, dass wir fast gezwungen sind, unser Leben und Handeln in Gottes Hände zu legen. Diese Überlegung ist kein umgekehrter Triumphalismus, sondern die einfache Erinnerung: «Wenn nicht der HERR das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen.» (Psalm 126 [127],1)

Die Heilsgeschichte zeigt uns, wie Gott von etwas ausgeht, das schwach ist und nicht als Ausgangspunkt geeignet erschien. Jesus kann sich als «die Wurzel und den Stamm Davids» (Offenbarung 22,16) und wie «das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, den Anfang und das Ende» bezeichnen (Offenbarung 22,13). Es ist klar, dass der Sohn Gottes der Anfang ist, «bevor» er der Nachkomme Davids ist, aber was bedeutet das für David? Zunächst hatte das Volk nach einem König verlangt, und Gott sagte zu Samuel: «Hör auf die Stimme des Volkes in allem, was sie zu dir sagen! Denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen: Ich soll nicht mehr ihr König sein.» (1 Samuel 8,7) Die Einsetzung eines Königs war nicht «vorgesehen». Nach Sauls Versagen schickt Gott den Propheten Samuel zu Jesse, der nicht einmal daran gedacht hatte, ihm seinen Sohn David vorzustellen (vgl. 1 Samuel 16,11). Gott wählt einen König aufgrund einer «lästigen» Bitte, und David wird König, obwohl nicht einmal sein Vater daran gedacht hatte, ihn dem Propheten vorzustellen. Die Rolle Davids setzte also voraus, dass es einen König gibt und dass er dieser ist: die Bibel stellt ihn uns nicht als vorhersehbares Produkt vorausgehender Statistiken vor. Und all das in einem Volk, das unter anderen und grösseren auserwählt wurde: «Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der HERR ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern» (Deuteronomium 7,7). Und am Ende ist der menschgewordene Sohn Gottes ein Nachkomme Davids (von Joseph, der sein Adoptivvater ist…) und wird kurz vor seinem Tod als Sohn Davids bejubelt werden (vgl. Matthäus 21,9).

Warum all diese Ausführungen? Gott lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass unsere Vorhersagen und Planungen ­ so nützlich sie auch sein mögen ­ uns nicht dazu befähigen, der Heilsgeschichte vorzugreifen. Wenn wir uns nur auf unsere Planungen verlassen müssten, wäre unsere Verkündigung der Frohen Botschaft wohl etwas verdunkelt. Aber wir vertrauen auf Gott und freuen uns über die Gegenwart des Heiligen Geistes! Ohne diesen Akt des Glaubens und der Hoffnung sollten wir nicht von einem synodalen Prozess sprechen.

+ Charles Morerod

Niemand kann übersehen, dass wir nach zwei Jahren Pandemie mit der Gefahr eines Weltkriegs konfrontiert werden, und das alles mit der Aussicht, dass die Erde unbewohnbar wird. Was haben wir als Christen in dieser Situation beizutragen?

Gewiss können wir, unseren Fähigkeiten entsprechend, den bereits zur Verfügung stehenden Analysen, die nicht grundsätzlich von einem religiösen Standpunkt abhängen, unsere eigene hinzufügen. Dies kann hilfreich sein. Aber können wir nicht auch einen spezifischen Beitrag leisten? In Bezug auf die ökologische Frage hatte die Enzyklika Laudato Si‘ die Bedeutung spiritueller Motivationen hervorgehoben; dies ist in der Tat grundlegend, und nicht nur in diesem Bereich. Es macht einen Unterschied, zu glauben oder nicht zu glauben, dass der Sohn Gottes Mensch geworden, gestorben und auferstanden ist, damit wir das Leben haben.

Unser Glaube und unsere Hoffnung ermöglichen es uns nicht nur, dem Tod ins Auge zu sehen, sondern auch, dem Leben mit einer positiven Einstellung zu begegnen, die in erster Linie ein Blick auf Christus ist. Der Monat Mai beginnt dieses Jahr mit dem dritten Ostersonntag und mit der dreifachen Frage Jesu an Petrus: «Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?» (Johannes 21,15-17). Diese Frage steht im Zentrum der Berufung des Petrus und seiner Nachfolger und ist die einzige explizite Bedingung, die Jesus gestellt hat. Sie ist daher auch die zentrale Voraussetzung für unseren eigenen Beitrag als Christen. Wenn wir Jesus Christus lieben, ihm für seine Gegenwart danken und ihn anbeten, dann haben wir die Grundlage für unseren Blick auf die Menschen, die Jesus liebt. Wir erkennen, dass wir nicht Mittelpunkt der Welt sind und geben uns mit Jesushin. Daran orientieren sich unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen und damit auch zu den zukünftigen Generationen.

+ Charles Morerod

Wir befinden uns noch immer im synodalen Prozess, und werden es auch bleiben. Ein zentraler Punkt, der sich aus diesem Prozess in unserer Diözese ergibt, ist, dass wir aufgerufen sind, uns unserer Taufe bewusst zu werden und uns gegenseitig zuerst unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. In diesem Zusammenhang kommt mir die Weihnachtspredigt (die aber auch an Ostern gilt) des hl. Leo des Grossen in den Sinn: «Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde. Denk an das Haupt und den Leib, dem du als Glied angehörst! Bedenke, dass du der Macht der Finsternis entrissen und in das Licht und das Reich Gottes aufgenommen bist. Durch das Sakrament der Taufe wurdest du ein Tempel des Heiligen Geistes.» Wir feiern Ostern in einer Welt, die auf der Suche nach Hoffnung ist und ihre Blicke auf uns richtet. Nehmen wir dabei unsere Taufe in den Blick! «Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, ausser weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus.» (Matthäus 5,13-15).

Frohe und gesegnete Ostern! Und möge das Licht unserer Taufkerze in uns leuchten als Hoffnung und Trost der Auferstehung!

+ Charles Morerod

Man stellt sich die Frage, wie die Zukunft der Welt und der Kirche aussieht. Ich möchte auf zwei recht unterschiedliche Aspekte dieser Frage eingehen: auf den Krieg, der in Europa wieder aufflammt (und der zum Beispiel. im Kongo oder im Nahen Osten nie aufgehört hat…) und auf den synodalen Prozess. Jacques Maritain meditierte in einem Journet gewidmeten Buch folgendermassen über die göttliche und menschliche Freiheit: «Ungeachtet des ganzen sichtbaren Materials, das sie in der Welt der Natur bedingt, besteht die Geschichte vor allem aus der Kreuzung und Verwicklung, der Fortsetzung und dem Konflikt der ungeschaffenen und der geschaffenen Freiheit; sie wird gleichsam in jedem Augenblick der Zeit durch die abgestimmten oder verstimmten Initiativen dieser beiden Freiheiten erfunden die eine in der Zeit, die andere ausserhalb der Zeit, und die von der Höhe der Ewigkeit herab, wo  alle Momente der Zeit unteilbar gegenwärtig sind, mit einem einzigen Blick die ganze Abfolge kennt. Und der Ruhm der göttlichen Freiheit besteht darin, dass sie ein Werk umso schöner macht, je mehr sie es von der anderen Freiheit auflösen lässt, weil allein sie aus der Fülle der Zerstörungen ein Übermass an Sein gewinnen kann. Aber wir anderen, die wir mit dem Wandteppich verwoben sind, sehen nur das dunkle Gewirr der Fäden, die sich über unserem Herzen verknüpfen.» (Jacques Maritain, Du régime temporel et de la liberté, Œuvres complètes, V, Éditions Universitaires/Editions Saint-Paul, Fribourg/Paris, 1982, S.346 f., frei übersetzt von E. P.).

Wir sind mit dem Wandteppich der Geschichte verwoben und erblicken mysteriöse und unverhältnismässige Fäden. Bitten wir Gott in unserem Gebet, die tragischen Fäden zu entwirren und uns zu helfen, ein wenig klarer zu sehen. Hier treffen sich zum Beispiel unsere Gebete für den Frieden (für die Bekehrung der Herzen) und der synodale Prozess. Was den synodalen Prozess betrifft, sind nun die Antworten eingetroffen, und ich habe verschiedene, teils sehr schöne Rückmeldungen erhalten. Es geht darum, dass wir Gott bitten, uns über die Gegenwart und die Zukunft aufzuklären, während wir mit der Nase in den Fäden unseres Wandteppichs stecken. Ich werde in meinem Hirtenbrief über die diözesanen Ergebnisse dieses Prozesses schreiben, ein Prozess, der bei uns und in der ganzen Kirche fortgesetzt wird.

+ Charles Morerod

Ich schreibe Ihnen am Festtag des heiligen Thomas von Aquin und denke an einen Text, den er geschrieben hatte und der seine «bleibende» Kraft behält. Er meditiert mit Entzücken über folgende  Tatsache: «Nicht nur eine unzählbare Schar einfältiger, sondern auch der weisesten Menschen hat sich […] nicht durch Waffengewalt, nicht durch Verheißung von Genüssen getrieben und, was das Wunderbarste ist, unter der Tyrannei der Verfolger   zum christliche Glauben bekannt, in dem Dinge gepredigt werden, die über jeden menschlichen Verstand hinausgehen, in dem die Lust des Fleisches in Schranken gehalten und alles zu verachten gelehrt wird, was in der Welt ist. Daß die Herzen von Sterblichen dem beistimmen, ist das größte der Wunder und ein offenkundiges Werk der göttlichen Eingebung: Menschen begehren unter Verachtung des Sichtbaren allein die unsichtbaren Dinge. Daß dies aber weder unvorbereitet noch zufällig, sondern auf Grund göttlicher Anordnung hin geschehen ist, das wird daraus offenkundig, daß Gott zuvor in vielen Weissagungen der Propheten, deren Bücher bei uns in Verehrung gehalten werden, eben weil sie Zeugnis ablegen für unseren Glauben, vorausgesagt hat, daß er dies tun werde.» (Summe gegen die Heiden, Buch I, Kapitel 6, hg. und übers. v. K. Albert/P. Engelhardt, unter Mitarbeit v. L. Dümpelmann, Darmstadt 1974, S. 21-23).

«Das größte der Wunder» erscheint mir aktuell. In vielerlei Hinsicht ist es unglaublich, dass man überhaupt glaubt, dass man den Glauben hat. Als sich Paul Claudel plötzlich bekehrte – am Weihnachtstag 1886 –, dachte er, wie viele unserer Zeitgenossen, dass der Glaube absurd sei. Und er befand sich (noch für eine Weile) in der Verlegenheit, dies zu glauben, obwohl er gläubig geworden war: «Meine philosophischen Überzeugungen waren ungeteilt. Gott hatte sie verächtlich dort gelassen, wo sie waren; ich sah nichts, was ich daran hätte ändern können, die katholische Religion erschien mir immer noch als derselbe Schatz absurder Anekdoten, ihre Priester und Gläubigen flössten mir die gleiche Abneigung ein, die bis zu Hass und Ekel reichte. Das Gebäude meiner Ansichten und meines Wissens stand immer noch und ich konnte keinen Fehler darin erkennen. Nur war ich aus ihm herausgetreten. Ein neues und gewaltiges Wesen mit schrecklichen Anforderungen an den jungen Mann und Künstler, der ich war, hatte sich offenbart, das ich mit nichts aus meiner Umgebung in Einklang bringen konnte. Es war der Zustand eines Menschen, dem man mit einem einzigen Ruck die Haut vom Körper reisst um ihn in einen fremden Körper inmitten einer unbekannten Welt zu stecken, ist der einzige Vergleich, den ich finden kann, um diesen Zustand völliger Verwirrung auszudrücken. Das, was meinen Ansichten und meinem Geschmack am meisten widerstrebte, war jedoch wahr, und ich musste mich wohl oder übel damit abfinden. Ach, zumindest nicht, ohne alles zu versuchen, was mir möglich war, um zu widerstehen. Und dieser Widerstand dauerte vier Jahre. (Paul Claudel, Œuvres en Prose, « Bibliothèque de la Pléiade » 179, Gallimard, Paris, 1965, S. 1010-1011, frei übersetzt.)

Teilen wir dieses Staunen. «Das größte der Wunder» ist beeindruckender als das Gehen auf dem Wasser und verändert das Leben.

+ Charles Morerod

Wünsche können so allgemein gehalten werden, dass sie eine gewisse Unsicherheit darüber, was «wünschenswert» wäre, schlecht verbergen. Das neue Jahr beginnt inmitten des synodalen Prozesses. Ich wünsche uns, dass wir, mit der Gnade Gottes, so leben, wie es uns der heilige Johannes aufzeigt: «Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben gemäss dem Gebot, das er uns gegeben hat. Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daran erkennen wir, dass er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat» (1 Johannes 3,23-24).

Auf die – von mir selbst gut akzeptierte – Gefahr hin, mich zu wiederholen, möchte ich zu Beginn des synodalen Prozesses nichts sagen, was von anderen gesagt werden muss. Allerdings beinhaltet dieser Text die wesentlichen Elemente christlicher Wünsche: an Christus zu glauben und so zu leben, wie er es von uns verlangt, mit seinem Geist. Ich schliesse mit einer liturgischen Formel, deren grundlegender Inhalt von uns selbst oft unterschätzt wird (da wir weit weniger bedeutungsvolle Grüsse hinzufügen): Möge auch im Jahr 2022 Der Herr mit Euch sein.

+ Charles Morerod

Wir sind in der Adventszeit: der Herr ist nahe. Wir gehen ihm entgegen, und tun dies nicht alleine. Dies schreibe ich Ihnen, während ich über das nachdenke, was der heilige Johannes Chrysostomus über die Begegnung des heiligen Petrus mit Jesus sagt, die vom heiligen Andreas gefördert wurde: «Es heisst nicht, dass Petrus sofort glaubte, sondern dass sein Bruder ihn zu Jesus führte, um ihn ihm anzuvertrauen, damit Petrus von ihm vollständig unterwiesen würde. Denn der andere Jünger war da und nahm an dem Gespräch teil.» (Kommentar zu S. Johannes, Offizium am Andreasfest).

Wir gehen also gemeinsam dem Herrn entgegen, der zu uns kommt, indem wir uns gegenseitig (sichtbar und unsichtbar) unterstützen, in guten wie in schlechten Zeiten. Unsere Gesellschaft durchlebt zurzeit gewaltige Stürme. In letzter Zeit haben viele von Ihnen meine Unruhe wahrgenommen und sie als Ausdruck einer «persönlichen» Belastung interpretiert. Dabei handelt es sich um eine Besorgtheit auf der Ebene der Gemeinschaft. Die Frage Jesu (in Bezug auf seine erneute Ankunft) berührt mich wie nie zuvor: «Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?» (Lukas 18,8). Dies ist keine rhetorische Anfrage, und es wäre nicht «katholisch» (d. h. aufs Ganze gesehen), wenn wir von Christus je nach den Umständen nur einzelne Aspekte berücksichtigen würden: er ist jeden Tag bis zum Ende der Zeit anwesend, aber wird er den Glauben vorfinden? Er schenkt uns immer seine Barmherzigkeit, aber er bindet uns auch einen Mühlstein an den Fuss angesichts des Skandals der Kleinen, angesichts unseres Einflusses auf die anderen, was mich zunehmend schwindlig werden lässt. Wenn wir die Aufforderung aus Lukas 18,8 ernst nehmen, sollten wir dringend darauf hören, was der Hl. Geist uns darüber sagt, wer wir sind und was wir sein sollen. Dies ist der Sinn eines synodalen Prozesses zur Synodalität. Lassen Sie uns gemeinsam auf den Heiligen Geist hören, was wir sind und sein sollen… Und tun wir es in jeder unserer Gemeinschaften: Am 29. November wurden die Schweizer Fristen für die Beantwortung in den Diözesen an die weltweiten Fristen angepasst, und Sie können Ihre Antworten bis zum 1. März einsenden (Deutschfreiburg: 15. Februar).

Der Prozess wird andauern. Es handelt sich nicht nur um einen erst nationalen, dann europäischen, dann globalen Zyklus und dann Ende. Das Leben der Kirche impliziert bzw. ist ein ständiges gemeinsames Hören auf den Herrn. In diesem Zusammenhang wurde ich – nicht ganz zu Unrecht – darauf hingewiesen, dass ich dem synodalen Prozess vorgegriffen habe, indem ich eine neue diözesane Organisation in Angriff genommen habe. Jetzt warte ich ab, ohne mich gross dazu zu äussern… Dennoch muss ich sagen, dass der Ad-limina-Besuch (Besuch der Schweizer Bischöfe in Rom) eine aktive Ermutigung für diese Reorganisation darstellte, die weit über meine Erwartungen hinausging. Abgesehen davon bitten wir den Herrn nicht nur um eine Organisation. Rufen wir gemeinsam « ‘Meister, kümmerst es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?’ (…) Er sagte zu ihnen: «Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?» (Markus 4,38.40).

+ Charles Morerod

Ich möchte Sie auf zwei Themen aufmerksam machen, die im Übrigen in diesem Newsletter behandelt werden und zum Teil zusammenhängen.

Der Sonntag, 21. November, ist in unserer Diözese zum Gebetstag für die Opfer von sexuellem Missbrauch bestimmt worden. In der Weltkirche wird empfohlen, die Gedenkfeier am ersten Sonntag der Fastenzeit abzuhalten, aber aufgrund verschiedener lokaler Elemente (wie der Tatsache, dass die den Opfern gewidmete Gedenktafel am 23. November 2019 in der Kathedrale angebracht wurde) wurde das Datum Ende November bevorzugt (in Italien findet er jedes Jahr am 18. November statt). In diesem Bereich sind Prävention und Entschädigung unabdingbar, aber unser Gebet ist eine notwendige Antwort auf die Bitte einiger Opfer, und wird auch von uns als unabdingbar empfunden. Es ist Teil unseres Dialogs mit Gott zu dieser Frage und impliziert auch unsere Bekehrung.

Hier liegt der Zusammenhang mit dem synodalen Prozess, der auf unserem kirchlichen (und damit sowohl persönlichen als auch gemeinschaftlichen) Hören auf den Heiligen Geist beruht. Dieser Prozess bereitet eine Synode zur Synodalität vor, d.h. zu dem, was unsere Kirche ist und wie weit und auf welche Weise wir in ihr zusammenleben. Ohne dieses Thema ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der Missbrauchskrise betrachten zu wollen, betreffen die Fragen, die derzeit in Frankreich gestellt werden, auch uns: alle Katholiken werden an den Pranger gestellt (in ihren Familien und am Arbeitsplatz angegriffen…), während die meisten von ihnen sagen, dass sie nicht an den Missbräuchen oder deren Vertuschung beteiligt gewesen sind. Diese kollektive Infragestellung impliziert eine aktive Beteiligung an den Entscheidungen, was mir fair erscheint und ausserdem eine Hilfe für die Bischöfe wäre… Dies ist ein Aspekt dieser «Synodalität», deren Bedeutung so sehr auf Spezialisten beschränkt zu sein scheint, dass sich viele, zu Unrecht, nicht in der Lage fühlen, daran teilzunehmen. Lokale Antworten müssen lokale Gegebenheiten berücksichtigen, andernfalls könnte der gesamte Prozess aus der Ferne durchgeführt werden. In den letzten Wochen hatten wir bei verschiedenen Treffen Gelegenheit, näher auf diesen Prozess einzugehen, und es ist noch kein Ende abzusehen. Ich möchte hier den weisen Rat von Mgr Bernard Sonney wiedergeben, den er bei dem schönen Zusammentreffen der Priester in Annecy (und St-Jorioz) am 28. Oktober gegeben hat: wenn die lokale Konsultation nicht im November stattfindet, ist es zweifelhaft, dass sie kurz vor Weihnachten stattfinden wird … Ich ermuntere Sie dahersehr, sich vor Augen zu halten, dass wir es nicht bei dieser ersten Phase belassen werden. Ich freue mich schon auf die Überraschungen, die sich zeigen werden.

+ Charles Morerod

Im Jahr 2019 (vorgängige Vernehmlassung), und im Jahr 2020 (Kommuniqué, Wiederaufnahme 2021) hat die Schweizer Bischofskonferenz signalisiert, dass sie den Vorschlag der Ehe für alle wegen der Rechte des Kindes (und nicht auf ein Kind) nicht gutheissen könne, sich aber wegen der unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes «Ehe» zurückhalte: «Da die Zuständigkeit der katholischen Kirche in diesem Bereich in erster Linie bei der sakramentalen Ehe liegt, sieht die SBK davon ab, Stellung zu beziehen.»[1] Es wird immer deutlicher, dass die Zivilehe in der Vergangenheit von der christlichen Tradition beeinflusst wurde und dies heute immer weniger der Fall ist (obwohl es bei ihr nach wie vor um die Idee der Vereinigung zweier Menschen – nicht mehrerer – auf der Grundlage einer frei getroffenen Entscheidung geht). Die sakramentale Ehe betrifft unmittelbar die Eltern und die Kinder, die das Paar in die Welt gesetzt hat. Wir müssen diese fortschreitende Distanzierung zwischen den unterschiedlichen Bedeutungen zur Kenntnis nehmen und unsere eigene Rolle im gegenseitigen Respekt der jeweiligen Bereiche friedlich übernehmen. Der Einfluss unseres Glaubens und unserer Tradition auf die Gesellschaft nimmt in vielen Bereichen ab, und das ist nicht nur negativ, wenn wir auf unsere nahen Vorfahren hören, die ihre Kirche als Belastung für die gesamte Gesellschaft empfanden (wir bekommen diese Auswirkungen nun im Gegenzug zu spüren). Gleichzeitig haben wir angesichts dieser allgemeinen kulturellen Entwicklung die Pflicht, uns selber zu fragen, was wir an unserem eigenen Glauben vielleicht missverstehen, denn die Fragen der anderen können uns letztlich manchmal auch helfen: Man erinnert uns gerne daran, dass im Fall von Galileo Galilei diejenigen, die wir für «Feinde» hielten, uns sogar geholfen haben, die Bibel zu verstehen…

Eine weitere Frage, die uns beschäftigt: Ist die Kirche dem Staat und seinen gesundheitlichen Normen (Covid) passiv unterworfen? Diese Frage wird uns Bischöfen oft gestellt (übrigens auch dem Papst). Nach Schweizer Sitte sind die Kontakte umso besser, je respektvoller und diskreter miteinander umgegangen wird, und die Berücksichtigung religiöser Besonderheiten hat im Vergleich zum Beginn der Pandemie deutlich zugenommen. Im Namen der Religionsfreiheit haben wir Vorteile genossen, um die uns andere beneidet haben. In dieser Sache möchte ich zwei Elemente hervorheben: Wir respektieren jede Art von Gewissensfreiheit, und dies gilt auch für Personen, die die Impfung verweigern (sich aber noch testen lassen oder Gottesdienste besuchen können, die ohne Zertifikatspflicht angeboten werden). Andererseits besteht das Ziel der eidgenössischen Politik (und der Politik der Nachbarstaaten) darin, die Ausbreitung der Krankheit zu begrenzen, die sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft als Ganzes betrifft (indem das Virus eine grosse Anzahl von Menschen erreicht, kann es sich entwickeln und mutieren). Der Anteil der Menschen, die an schweren Formen der Krankheit leiden, ist unterschiedlich gross, je nachdem, ob sie geimpft sind oder nicht. Dem füge ich hinzu, dass wir eine besondere Verantwortung tragen: Es hat in der Tat Fälle gegeben, in denen religiöse Veranstaltungen Anlass für Ansteckungen waren, die zu Todesfällen führten (ich kann diese Aussage mit Namen belegen). Die Normen wurden nicht von den Bischöfen beschlossen, aber bei ihrer Anwendung kann ich mich nicht mit einer Nachlässigkeit abfinden, die mich für den Tod anderer verantwortlich machen würde. Andere Situationen haben mir ausserdem gezeigt, dass die Forderung nach unterschiedlichen Massstäben für die Kirche als die unseres Rechtsstaates ebenfalls zu Problemen führte.

Mit Sorge beobachte ich die gegenseitigen Abweisungen: Bei beiden Themen, die ich hier anspreche, sehe ich, wie Menschen eine der ihren entgegengesetzte Meinung heftig ablehnen. Diesbezüglich zeigt sich, dass das Evangelium eine demokratische Gesellschaft in ihren Wurzeln unterstützen kann, da die Feindesliebe selbst die Grundlage für gegenseitigen Respekt und gegenseitiges Zuhören ist.

+ Charles Morerod

[1] https://www.eveques.ch/mariage-civil-pour-tous/ vgl. auch https://www.bischoefe.ch/ehe-fuer-alle/

In der Hoffnung, dass es die Gesundheitssituation zulässt, zumindest für diejenigen, die geimpft sind, wird unser synodaler Prozess beginnen. Um eine breite Beteiligung zu ermöglichen, wird er in jeder Seelsorgeeinheit stattfinden. Die aus Rom eingehenden Fragen, welche es zu beantworten gilt, werden bei der Bischofskonferenz eintreffen. Diese wird die Modalitäten der Übermittlung festlegen (ich weiß nicht, ob dort noch weitere Anpassungen vorgenommen werden müssen). Was bereits jetzt möglich ist, ist unsere Vorbereitung auf den synodalen Prozess: Ich lade Sie ein, für diesen Prozess zu beten, damit es der Heilige Geist ist, der uns führt. Denn das Wort, das wir ergreifen werden, hängt weitgehend von der Stille ab, die es vorbereitet.

Gehen wir positiv an die Sache heran: Wir könnten uns über die Statistiken beklagen, die wir sicherlich berücksichtigen müssen und die wir aus eigener Erfahrung kennen. Das Ziel ist nicht eine missmutige Meditation, sondern die Weitergabe der Frohen Botschaft. Das Erscheinen des fleischgewordenen Wortes in unserer Welt ist ein Grund zur Freude: «Fürchtet euch nicht! siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.» (Lukas 2,10-11).

Ich bin immer noch überrascht von der Frage eines Firmlings: «Ich frage mich, warum Gott nie persönlich da ist, sondern durch einen ‹Trick› wie Jesus.» Nun, was antworten wir? Natürlich ist Jesus Gott in Person, aber wir selbst sind auch «Tricks», durch die Jesus gegenwärtig ist. Jesus kann zu Saulus sagen: «Ich bin Jesus, den du verfolgst» (Apostelgeschichte 9,5), auch wenn es die Jünger sind, die verfolgt werden. Wenn er zu uns allen sagen kann: «Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.» (Matthäus 25,40; oder das Gegenteil in 25,45), dann deshalb, weil er in uns gegenwärtig ist. Das gilt besonders dann, wenn zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind (vgl. Matthäus 18,20). Wir sind der Leib Christi, der durch die Eucharistie geschaffen wird und der die Eucharistie schafft, wie Pater Henri de Lubac es zusammengefasst hat. Möge der synodale Prozess zum Vorschein bringen, was wir sind.

Das Programm eines synodalen Prozesses ist in der Tat die Fortsetzung des Programms, das vom Zweiten Vatikanischen Konzil folgendermassen zusammengefasst wurde: «Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet (vgl. Mk 16,15). Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit. Deshalb möchte sie das Thema der vorausgehenden Konzilien fortführen, ihr Wesen und ihre universale Sendung ihren Gläubigen und aller Welt eingehender erklären. Die gegenwärtigen Zeitverhältnisse geben dieser Aufgabe der Kirche eine besondere Dringlichkeit, dass nämlich alle Menschen, die heute durch vielfältige soziale, technische und kulturelle Bande enger miteinander verbunden sind, auch die volle Einheit in Christus erlangen.» (Dogmatische Konstitution über die Kirche, Lumen Gentium, 21. November 1964, § 1).

+ Charles Morerod

Es ist eine Tatsache, dass uns die Moral nicht gerade anzieht, sei aus Gründen, die zum Teil neu sind, sei es vor allem aber aus Gründen, die über die Jahrhunderte hinweg Bestand haben. Es geht nicht nur um eine Ethik im weitesten Sinne, sondern auch um die Antwort auf einen ausdrücklichen Ruf Gottes, denn eine Befreiung kann als Last empfunden werden: «Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron. Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen sassen und Brot genug zu essen hatten.» (Exodus 16,2-3). Wir alle empfinden moralische Forderungen manchmal als Last; nicht umsonst bitten wir den Vater, uns nicht in Versuchung geraten zu lassen.

Kehren wir zur Grundlage der christlichen Moral zurück: Das ganze Gesetz sowie die Propheten sind an zwei Gebote gebunden: Gott mit ganzem Herzen zu lieben, und seinen Nächsten wie sich selbst (vgl. Matthäus 22, 37-40). Die Wurzel unseres Verhaltens ist also die Liebe zu Gott. Die Liturgie verweist uns aktiv darauf: «Allmächtiger, ewiger Gott, mehre in uns den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Gib uns die Gnade zu lieben, was du gebietest, damit wir erlangen, was du verheissen hast.» (Tagesgebet des 30. Sonntag im Jahreskreis, ich werde mich vielleicht in ein paar Monaten wiederholen). Mit anderen Worten: Was Gott von uns verlangt, mag mühsam erscheinen, aber wir lieben es, weil wir Gott lieben und ihn darum bitten, uns zu helfen. Indem wir über Gottes Handeln nachdenken und auf unseren Erlöser schauen, können wir erkennen, dass sein Joch sanft und seine Last leicht ist. (vgl. Matthäus 11,30).

+ Charles Morerod

Die gesundheitlichen Bedingungen scheinen sich zu verbessern und die Hoffnung, sich in den Seelsorgeeinheiten zu einem synodalen Prozess treffen zu können, wird endlich realistisch. Ich wünsche mir, dass viele an einem derartigen Prozess teilnehmen und dass wir gemeinsam empfangen, was der Heilige Geist uns kommuniziert… Ich möchte daher nichts vorwegnehmen. Es scheint mir aber wichtig, dass wir erkennen, worauf wir uns bei diesem Prozess einlassen. Wir sind mehr und mehr Objekte der Unwissenheit, was auch Neugierde bedeuten kann. Unser Glaube wird nur auf geringes Interesse stossen, wenn wir darauf abzielen, ihn in einem Einheitsbrei aufgehen zu lassen, in dem alle schon schwimmen und zu dem wir das Salz der Erde hinzufügen müssen … Fragen wir uns unaufhörlich, welchen Platz wir dem menschgewordenen Licht der Welt einräumen:  «Zündet man etwa eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel oder unter das Bett? Stellt man sie nicht auf den Leuchter?» (Markus 4,21)

In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, über den Brief des Papstes an die deutschen Katholikinnen und Katholiken vom 29. Juni 2019 nachzudenken: «Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt von heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurückzugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangelisierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19); ein Weg also, der einen Glauben ermöglicht, der mit Freude gelebt, erfahren, gefeiert und bezeugt wird. Die Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein. Es gibt ganz sicher harte Momente und Zeiten des Kreuzes; nichts aber kann die übernatürliche Freude zerstören, die es versteht sich anzupassen, sich zu wandeln und die immer bleibt, wie ein wenn auch leichtes Aufstrahlen von Licht, das aus der persönlichen Sicherheit hervorgeht, unendlich geliebt zu sein, über alles andere hinaus.»1

Im Hinblick auf die Sommerpause möchte ich Sie an den Anfang der Liturgie zurückführen: «Der Friede sei mit Euch!»

+ Charles Morerod

1https://www.vatican.va/content/francesco/de/letters/2019/documents/papa-francesco_20190629_lettera-fedeligermania.html

Im Dezember 2019 machte sich die Schweizer Bischofskonferenz Gedanken zum synodalen Prozess. Seitdem weiss ich, wie ich diesen Prozess in unserer Diözese umsetzen will. Dafür stelle ich mir weder ein noch mehrere grosse Treffen vor, sondern eine breite Einladung in jeder Seelsorgeeinheit an möglichst viele Menschen.  Auf Grund der Pandemie ist das für den Moment noch nicht möglich, aber wir hoffen, dass wir bald wieder die Möglichkeit für grössere Versammlungen haben werden.

Wie muss man sich eine synodale Versammlung vorstellen? Während wir auf die vom Papst angekündigten Fragen warten, können wir uns bereits darüber Gedanken machen. Und dies kann sich wiederum auf den Zeitpunkt unserer Umsetzung auswirken.

Ein Thema, das in diesem Zusammenhang oft angesprochen wird, ist das der Unterscheidung der Zeichen der Zeit, mit dem sich bereits das Zweite Vatikanische Konzil auseinandergesetzt hatte: Der Kirche « (…) obliegt (der Kirche) allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben. Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen. » (Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute, Gaudium et Spes, 7 Dezember 1965, § 4). Die Einführung dieses Textes trägt die Überschrift «Die Situation des Menschen in der heutigen Welt» und schliesst wie folgt: «Die Kirche aber glaubt: Christus, der für alle starb und auferstand, schenkt dem Menschen Licht und Kraft durch seinen Geist, damit er seiner höchsten Berufung nachkommen kann; es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem sie gerettet werden sollen. Sie glaubt ferner, dass in ihrem Herrn und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist. Die Kirche bekennt überdies, dass allen Wandlungen vieles Unwandelbare zugrunde liegt, was seinen letzten Grund in Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit. Im Licht Christi also, des Bildes des unsichtbaren Gottes, des Erstgeborenen vor aller Schöpfung, will das Konzil alle Menschen ansprechen, um das Geheimnis des Menschen zu erhellen und mitzuwirken dabei, dass für die dringlichsten Fragen unserer Zeit eine Lösung gefunden wird. » (§ 10). Unsere Fragen stehen im Licht der Antwort, die Gott uns gibt, indem er zu uns kommt.

Wir sind also nicht dazu aufgerufen, darüber nachzudenken, wie wir uns anpassen könnten (als ob unsere Strukturen und unser Vokabular die meiste Aufmerksamkeit von uns und anderen bekommen sollten), sondern beauftragt, die Frohbotschaft Jesu Christi auf verständliche Art und Weise mitzuteilen, indem wir der Empfehlung des heiligen Paulus folgen: «Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. » (Philipper 4,4-5)

Bereiten wir uns im Gebet darauf vor: «Abgrund und Herz hat er durchforscht und ihre Absichten hat er durchschaut; denn der Höchste kennt alles Wissen und er blickt auf die Zeichen der Zeiten. Er tut das Vergangene und das Kommende kund und enthüllt die Spuren des Verborgenen. » (Sirach 42,18-19) Denken wir bei unseren Plänen für die Wohnung des Herrn daran: «Wenn nicht der HERR das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen. » (Psalm 126 [127]:1). Die Kirche ist vom Heiligen Geist beseelt, und daran können wir erkennen, dass das Evangelium in ihr weiterlebt.

+ Charles Morerod

Seit mehr als einem Jahr ertappe ich mich oft dabei, über die psychologischen und spirituellen Auswirkungen der Pandemie nachzudenken, die uns voneinander entfernt und uns mit einer diffusen Angst vor der unsicheren Zukunft zurücklässt. Ihre psychologischen Auswirkungen sind sowohl offensichtlich als auch unsicher: offensichtlich in Bezug auf ihre Existenz und unsicher hinsichtlich ihrer genauen Identifizierung. Die spirituellen Auswirkungen sind ebenfalls schwer zu erkennen, zumal ihnen nicht die gleiche Aufmerksamkeit zukommt. Tatsache ist, dass die spirituelle Suche sehr präsent ist, wenn auch oft ausserhalb der «Institutionen» und mehr auf sich selbst fokussiert als auf einen externen Gott, der sich unter Umständen auch fordernd zeigt (was ein Aspekt der Liebe ist). Wir wissen auch, dass die spirituellen Anliegen sich in dieser Zeit stärker aufdrängen, in der wir uns nach Licht sehnen.

Nicht selten kommt es vor, dass die Liturgie des Tages sich als Vorsehung erweist. Und genau dies ist der Fall, während ich Ihnen schreibe: Die Lesung des heiligen Clemens von Rom (in seinem Brief an die Korinther, Lesehore, 30. April) illustriert die Verbindung zwischen der Gabe, die wir von Gott erhalten – ohne die unser moralisches Leben unmöglich ist – und jener Selbstdezentrierung, die es uns erlaubt, einander zu unterstützen. «Der Starke soll für den Schwachen sorgen, der Schwache dem Starken Achtung erweisen. Der Reiche soll den Armen unterstützen, der Arme aber soll Gott danken, daß er dem Reichen die Möglichkeit gab, ihm in seiner Armut zu helfen. Der Weise zeige seine Weisheit nicht in Worten, sondern in guten Taten. Der Demütige gebe nicht Zeugnis für sich selbst, sondern überlasse das anderen. Wer rein ist, rühme sich nicht. Er weiß, daß ein anderer ihm die Enthaltsamkeit geschenkt hat. Laßt uns daran denken, aus was für einem Stoff wir geworden sind, was für Wesen wir waren, als wir in die Welt kamen, aus welch finsterem Grab uns unser Bildner und Schöpfer in seine Welt holte und wie er seine Wohltaten schon bereithielt, noch bevor wir geboren wurden. Wir haben das alles von ihm und schulden ihm Dank für alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.»

Bitten wir ständig um Gottes Hilfe, ohne die keiner von uns die eine oder andere Abschweifung vermeiden kann. Seien wir uns der Gabe Gottes bewusst, schauen wir auf ihn und auf die Fülle seiner Gaben. Auf diese Weise können wir Träger der Freude sein, die so notwendig ist.

+ Charles Morerod

Nietzsche stellt in Bezug auf die Christen eine Frage, die uns ein ständiger Anreiz bleiben sollte: «Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!»[1]. Gewiss, doch das Wissen, sich ein Lächeln aufsetzen zu müssen, reicht nicht aus, zumal uns dies noch mehr zum Vorwurf gemacht würde (wie ein Sektenmerkmal). Wir bitten um die Hilfe des Heiligen Geistes, damit die Freude der Auferstehung wirklich in uns gegenwärtig ist, auch in den tränenreichen Zeiten, die ebenfalls zum christlichen Leben gehören.

Dieser Frage eines deutschen Philosophen möchte ich eine weitere Bemerkung eines anderen deutschen Philosophen, Dietrich von Hildebrand, hinzufügen. Er war ein starker Kritiker (während des Nationalsozialismus) sowohl des Nationalsozialismus als auch des Kommunismus, und zwar aus dem gleichen Grund: Der Mensch kann nicht auf seine Materie reduziert werden (der Nazi-Rassismus ist eine Form des Biologismus). Hildebrand zeigt die Welt auf, die man aufbauen könnte, wenn man an die von Christus angekündigte ewige Bestimmung glaubt: «Nach der christlichen Auffassung besitzt jeder Mensch eine unsterbliche Seele, die zum Gefäss der Gnade und zur ewigen Gemeinschaft mit Gott bestimmt ist und die darum einen höheren Wert besitzt als alles Übrige auf Erden. Das Schicksal von Staaten, Nationen, Völkern als solchen ist unvergleichlich weniger wichtig als das ewige Heil einer einzigen unsterblichen Seele»[2].

Denken wir darüber nach, was die gute Nachricht der Auferstehung für uns persönlich bedeutet, aber auch darüber, dass diese gute Nachricht die Welt verändert. Unser Beitrag erscheint etwas banal, wenn wir von «christlichen Werten» sprechen, die von ihrer Quelle losgelöst sind («Werte», ohne dass Jesus Christus zitiert wird) und darauf abzielen, die Welt auf der Grundlage einer gewissen Freundlichkeit aufzubauen, die uns nicht mehr anzieht, sondern eher abstösst. Wenn wir aber jeden Menschen wahrnehmen als einen vom Sohn Gottes bis zum Kreuz geliebten und zur «ewigen Gemeinschaft mit Gott» geladenen Menschen, dann verändert dies das Gesicht der Welt. Lassen wir es uns jedes Jahr im Gebet wiederholen, damit es sich auch in unserem Innern bewahrheitet: Frohe Ostern!

+ Charles Morerod

[1]  Also sprach Zarathustra, Zweiter Teil, Von den Priestern

[2] Dietrich von Hildebrand, Memoiren und Aufsätze gegen den Nationalsozialismus 1933-1938, Mit Alice von Hildebrand und Rudolf Ebneth herausgegeben von Ernst Wenisch, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, 1994, S.331.

Am 3. März 321, also vor 1700 Jahren, führte Kaiser Konstantin den Sonntag als Ruhetag ein, als Tag des unbesiegten Sonnengottes (Sol invictus, ein Ursprung, der sich in Sonntag oder Sunday wiederfindet, während „Dimanche“ – Dies Domini (Tag des Herrn) sich expliziter auf den Herrn, den auferstandenen Christus bezieht). Wir sind dazu eingeladen, diesen Jahrestag in der Fastenzeit, die uns auf Ostern vorbereitet, zu feiern. Zwar war der Sol invictus eine heidnische Gottheit, und Konstantin näherte sich dem Christentum erst Schritt für Schritt, doch bleibt die Tatsache bestehen, dass der Sonntag aufgrund seines jüdisch-christlichen Ursprungs die Geschichte geprägt hat.

Der jüdische Shabbat als wöchentlicher Ruhetag birgt mehrere Dimensionen in sich. Unsere Gesellschaft berücksichtigt den sozialen Aspekt, der in der jüdischen Religion notwendig und gegenwärtig ist: « Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen.» (Exodus 23,12) Diese Ruhepause fällt in den Bereich des Gewinnverzichts, der mit der Achtung der Armen zu tun hat: « Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brachliegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun». (Exodus 23,10-11) Diese Dimension wird kombiniert mit der Nachahmung Gottes: « Ihr sollt meine Sabbate halten; denn das ist ein Zeichen zwischen mir und euch von Generation zu Generation, damit man erkennt, dass ich, der HERR, es bin, der euch heiligt. (…) Für alle Zeiten wird er ein Zeichen zwischen mir und den Israeliten sein. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht; am siebten Tag ruhte er und atmete auf. » (Exodus 31,13.17)

Die frühen Christen verlegten den Ruhetag ziemlich schnell vom siebten auf den ersten Tag: « … am ersten Tag der Woche [waren wir] versammelt [waren], um das Brot zu brechen…» (Apostelgeschichte 20,7) Dieser Tag, der zum Gedenken an die Auferstehung Christi gewählt wurde, behält auch die Eigenschaften des Sabbats bei: göttliche Ruhe, mit einer sozialen Auswirkung. Die Verbindung zwischen diesen beiden Dimensionen hat nichts von ihrer Aktualität verloren, wenn auch die wöchentliche Ruhezeit deutlich säkularisiert wurde.

Die Idee, ein Jahr von sieben keine Felder zu bebauen und einen Tag von sieben nicht zu arbeiten, beinhaltet den Verzicht auf Gewinn, um Gottes Willen und zu unserem eigenen Wohl (besonders dem der Ärmsten). Dies schliesst auch unmissverständlich den Respekt gegenüber der Erde ein, damit sie nicht zugrunde geht. Der Verzicht auf den kurzfristigen individuellen Profit ist für das Leben der Menschheit jetzt und für ihr langfristiges Überleben unerlässlich. Daher ist die Aufforderung zur Nachahmung der Handlungsweise Gottes nicht nur ein Relikt aus alten Zeiten, sondern behält seine aktuelle Bedeutung. Was bewegt uns dazu, für uns selber und kurzfristig auf maximalen Gewinn zu verzichten, und zwar aus einer breiten gesellschaftlichen Sicht und damit auch aus einer Umweltperspektive? Ganz allgemein: Wie setzen wir unsere Zeit ein? Diese allgemeine Frage spiegelt sich in der Unterfrage

«Was mache ich aus meinem Sonntag »?

Der Tag des Herrn, die Zeit, die ich mit dem Herrn verbringe, ist letztlich nur im Licht der Liebe Gottes wahrnehmbar. Ich nehme mir Zeit für ihn, als Antwort auf seine Initiative (Schöpfung und Auferstehung), nur, weil ich ihn liebe. Es ist nicht trivial zu sagen, dass die Zeit, die wir für denjenigen aufbringen, den wir lieben, nicht zählen, denn in seiner Gegenwart verschwindet die Zeit (wir nehmen sie nicht mehr wahr, oder sie ist kompakter). Und diese Zeit, die wir mit dem geliebten Herrn verbringen, ermöglicht uns die notwendige Distanz gegenüber dem frenetischen Strudel der Zeit. Die Zeit, die wir uns für den Herrn nehmen, befreit uns und befreit den anderen von den Auswirkungen unserer eigenen Flucht nach vorn. Kurzum, die Zeit wird nur im Licht der Liebe wahrgenommen, die ihr volles Licht in der Liebe Gottes findet.

Ora et labora (« bete und arbeite »): Beides geht Hand in Hand. Unsere Welt braucht ihre monastische Lunge.

+ Charles Morerod

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen (einigen wird es bekannt vorkommen, und für andere wird es neu sein), bin ich immer wieder geprägt von der Enzyklopädie Spe salvi, publiziert von Papst Benedikt XVI im Jahre 2007: « Der rechte Zustand der menschlichen Dinge, das Gutsein der Welt, kann nie einfach durch Strukturen allein gewährleistet werden, wie gut sie auch sein mögen. Solche Strukturen sind nicht nur wichtig, sondern notwendig, aber sie können und dürfen die Freiheit des Menschen nicht ausser Kraft setzen. Auch die besten Strukturen funktionieren nur, wenn in einer Gemeinschaft Überzeugungen lebendig sind, die die Menschen zu einer freien Zustimmung zur gemeinschaftlichen Ordnung motivieren können. Freiheit braucht Überzeugung; Überzeugung ist nicht von selbst da, sondern muss immer wieder neu gemeinschaftlich errungen werden. » (§ 24).

Dieser Text trifft sicherlich auf verschiedene Realitäten zu, zum Beispiel auf eine Reflexion über die Beständigkeit demokratischer Gesellschaften, an der wir festhalten, deren Zukunft jedoch nicht gesichert ist, wenn wir uns nicht darum kümmern. Sicherlich glaubte der Nachfolger Petri an die Verheissung Christi: « Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen » (Matthäus 16,18). Dieses Versprechen entbindet uns aber nicht davon: den Menschen, denen wir hic et nunc begegnen, die Frohe Botschaft näherzubringen, die aber nur angenommen werden kann, wenn sie auf verständliche und « attraktive » Weise mit der Gnade Gottes empfangen wird. Es gibt keinen natürlichen « Automatismus » des Glaubens, man wird nicht als Christ geboren. Es liegt an uns, die Rolle von Andreas mit seinem Bruder zu übernehmen: « Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heisst übersetzt: Christus » (Johannes 1,41).

+ Charles Morerod

Der Jahreswechsel weckt in mir keine grossen Emotionen mehr, zumindest nicht seit meiner späten Jugendzeit. Hingegen berührt mich der Wandel der Geschichte, der Gesellschaft und der Kirche sehr. Was im 2. Vatikanischen Konzil gesagt wurde, ist immer noch gültig: «Die Menschheit steht heute einer neuen geschichtlichen Epoche, die von tiefgreifenden und raschen Veränderungen gekennzeichnet ist und die sich allmählich in der ganzen Welt ausbreiten. Vom Menschen, seiner Vernunft und schöpferischen Gestaltungskraft gehen sie aus; sie wirken wieder auf ihn zurück, auf seine persönlichen und kollektiven Urteile und Wünsche, auf seine Art und Weise, die Dinge und die Menschen zu sehen und mit ihnen umzugehen. So kann man schon von einer wirklichen sozialen und kulturellen Umgestaltung sprechen, die sich auch auf das religiöse Leben auswirkt. » (pastorale Konstitution Gaudium et Spes über die Kirche der Welt von heute, § 4.2)

Seit dem 19. Jahrhundert erleben wir eine Beschleunigung der Zeit. Mir scheint, dass sich diese Entwicklung durch die Pandemie noch zugespitzt hat. Wir finden uns in einer Situation wieder, von der ich dachte, dass sie erst in 10 oder 20 Jahren eintreten würde: sie ermöglicht sowohl religiöse Entdeckungen und Wiederentdeckungen als auch eine relative Entfremdung (mehr oder weniger relativ, aber beschleunigt).

Ich glaube nicht, dass ich der einzige bin, der feststellt, dass wir uns wie in einer Zwangsjacke gefangen fühlen, obwohl es nicht alle gleich empfinden … Dies erzeugt eine gewisse Ungeduld in mir, die sich langsam, aber sicher, manchmal auch etwas unbeholfen (was mir leidtut), Bahn bricht. Viele unter euch spüren diese Auswirkungen seit einigen Monaten. Dies wird in den kommenden Monaten umfassend kommuniziert werden. In der Tat scheint mir, dass sich, was ich Ende 2014 am Ende meiner « pastoralen Orientierungen » geäussert habe, nicht mehr länger aufschieben lässt: « Wir werden einen Weg finden müssen, die Strukturen auf das wirklich Notwendige zu reduzieren, damit mehr Zeit bleibt für unseren eigentlichen Auftrag, der uns mit Freude erfüllt. » (Es tut mir leid, mich selbst zu zitieren, ich hasse es, doch wenn ich es nicht tue, wird es niemand tun). Die Langsamkeit kommt zum Teil aus dem Bedürfnis, das Kind nicht mit dem Bade ausschütten zu wollen: Die „Strukturen“ dienen dazu, eine gemeinsame Lösung anzustreben, und freudig aufeinander zu treffen. Doch auf die Dauer kann dies nicht die Dringlichkeit einer Veränderung überdecken. Und am Ende dieser « pastoralen Orientierungen » finden wir eine Orientierungshilfe: die Freude. Diese Freude kommt nicht von uns, sondern von der Gegenwart des Herrn. Wenn ich beobachte, was Menschen dazu bringt, die Kirche zu entdecken, sehe ich ein grundlegendes und beständiges Element: die Freude und die Gegenwart des Herrn. Wir sprechen von ihm, aber in seiner Gegenwart.

Ohne diese Wahrnehmung wäre es normal, sich von der Kirche abzuwenden. Der Jahreswechsel konzentriert sich auf die Gegenwart des Herrn: die Weihnachtsoktav, die mit dem Fest der Geburt Christi beginnt und am Hochfest der Gottesmutter Maria endet (sie zeigt die größte menschliche „Zusammenarbeit“ im Geheimnis dieser Gegenwart).

Als Geschenk zum Wechsel können wir mit Petrus sagen: « Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, steh auf und geh umher! » (Apostelgeschichte, 3,6). Dies ist auch mein Wunsch an Euch!

+ Charles Morerod

Alle Jahre wieder ist Weihnachten. Erkennen wir etwas Neues darin? Sicher, es ist immer so, dass derjenige, der auf dem Thron sitzt, erklärt hat: « Seht, ich mache alles neu » (Apokalypse 21,5). Doch wie erneuert sich das Thema für uns?

Es scheint, dass ein neues Dogma über Jesus anerkannt wird, wie ein immer wiederkehrender Refrain: «er verurteilt niemanden», «er nimmt uns so an wie wir sind». Ich verstehe gut, wie man zu einer solchen Aussage kommen kann. Jesus begegnet allen Arten von Menschen, ohne dass er sich darum kümmert was andere von seinen Begegnungen halten. Beispiele gibt es viele: «Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, die ihn berührt: dass sie eine Sünderin ist!» (Lukas 7,39); «Die Samariterin sagte zu ihm: “Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um etwas zu trinken bitten?“» (Joh 4,9); «Wie kann er zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?» (Markus 2,16); «Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie!» (Joh 8,7) … Wenn wir allerdings den Schwerpunkt exklusiv daraufsetzen, alle so anzunehmen, wie sie sind, würde diese Exklusivität den Status quo festigen und Weihnachten würde zu einer netten Plattitüde. Und genau so wird dieses Fest allzu oft gefeiert.

Es gibt auch andere Aspekte im Leben und im Wort Jesu, welche weniger erwähnt werden: «Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden ausser dem Zeichen des Propheten Jona» (Mt 12,39); « Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler!» (Mt 23,13); «Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde.» (Mt 18,6); «Ihr habt den Teufel zum Vater und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt.» (Joh 8,44); «Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.» (Mt 26,24). Unnötig zu erwähnen, dass ich mich mit diesen Texten nicht sehr wohl fühle, und gerade der jetzige Zeitpunkt hält mir den eigenen Spiegel vor Augen: «ich war fremd (…) krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht» (Mt 25,43). Ohne diese dringenden Appelle hätten Franz von Assisi und Damien de Veuster ihr Leben nicht ändern müssen.

Wir bereiten uns auf die Ankunft desjenigen vor, der alles neu macht unter dem Aspekt der Aufnahme und der Einladung zur Bekehrung. Wie werden wir also diese Neuheit von etwas, von dem wir glauben, es schon zu kennen, präsentieren? Oft wird eine Antwort am besten verstanden, wenn wir uns zuerst die Frage stellen, auf die sie eine Antwort ist. Ich nenne zwei Beispiele.

In den 1980er Jahren enthielten offizielle Listen terroristischer Organisationen keine einzige religiöse Organisation. Seitdem aber machen die religiösen Organisationen die Mehrheit aus, und Religion wird gegenwärtig als Gefahrenquelle dargestellt (was auch die Christen betrifft). Weihnachten ist das Fest der Geburt desjenigen, der gesagt hat: «Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen» (Mt 5,43-44). Eine gute Nachricht!

Wir wissen, wie ungleich die Güterverteilung ist und wie sehr die Pandemie diese dramatische Entwicklung noch verstärkt. Gleichzeitig erleben wir eine Erwartungshaltung von Menschen, die sich manchmal von der Kirche entfernt haben, wie ein Echo auf das, was Jesus sagte: «Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!» (Mt 19,21); «wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.» (Luk 14,13)… So wollen auch wir die Wirkung dieser guten Nachricht im Alltag zeigen!

Danke und schon jetzt frohe Weihnachten!

+ Charles Morerod

Die erste Lesung des Gottesdienstes vom 29. Oktober hat mich stark geprägt: «Bittet, damit ich in ihm freimütig zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist.» (Epheser 6,20). In dieser schweren Zeit, in der wir uns gerade befinden, sind die Erwartungen an die Kirche besonders gross: es werden von uns Gründe zur Hoffnung sowie materielle Hilfe erwartet, die mit dieser Hoffnung verbunden ist. Bitten wir den Herrn, uns zu ermutigen und aufzuzeigen, wie wir einander zuhören können.

Die Erfahrung des ersten Lockdown in diesem Frühjahr kann uns dabei helfen, die gleichen Fehler nicht zu wiederholen, zumal derzeit mehr Handlungsspielraum besteht. Als der Genfer Staatsrat vor den Bundesmassnahmen beschloss, die Versammlungen auf 50 Personen zu beschränken, bestand die Option (am 11. März) darin, die Gottesdienste im Kanton Genf aufzuheben. Dafür gab es praktische Gründe, die berücksichtigt werden müssen: wie kann man zum Beispiel die Teilnehmerzahl an den Gottesdiensten in der Basilika Notre-Dame, der portugiesisch- und der englischsprachigen Mission auf 50 Personen beschränken? Es bleibt die Tatsache, dass diese drei Orte pro Sonntag rund 4‘000 Menschen zusammenbringen können; schliesst man also diese Kirchen, bedeutet dies, dass kleinere, offengebliebene Kirchen überfüllt werden, nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren. Dieses Problem gibt es nicht überall und es ist schwierig, eine allgemeine Regelung zu finden. Die anhaltende Schliessung bestimmter Kirchen und das Verbot öffentlicher Gottesdienste haben jedoch grosse Trauer ausgelöst und führten zu vielen Beschwerden, trotz der Aufforderung zur geistigen Kommunion, des Hausgebetes, usw. Aus diesem Grund müssen wir jetzt auch die Unzufriedenheit nutzen, um auf dem Gebiet der Liturgie und der „sozialen“ Hilfe Fortschritte zu erzielen.

In Bezug auf die Liturgien gibt es Möglichleiten, die nach den örtlichen Gegebenheiten geprüft werden müssen. Ich denke da zum Beispiel an zusätzliche Feiern (wenn die Seelsorgeeinheiten über genügend Priester verfügen, unter Berücksichtigung deren Alters), an die gleichzeitige Übertragung in Sälen, wo die Kommunion gespendet wird (könnte auch eine Lösung für Firmungen sein). Man kann auch den Werktagsgottesdienst besuchen: diejenigen dazu aufzufordern, die die Möglichkeit haben, und am Sonntag zu Hause zu beten, um den Platz denjenigen zu überlassen, denen es aufgrund ihrer Arbeitszeiten nicht möglich ist, einen Werktagsgottesdienst zu besuchen. Es ist auch möglich, am Sonntag, ausserhalb der Gottesdienste, Liturgien mit Spendung der Kommunion zu organisieren (mit einem kurzen Wortgottesdienst), aber indem darauf geachtet wird, die Anzahl der Teilnehmer auf 30 Personen zu begrenzen und die Kirche zwischen jeder Feier zu lüften. Nichts davon kann verallgemeinert werden, aber es ist gut, diese Möglichkeiten im Geiste des Dienstes in Betracht zu ziehen.

An einigen Orten hat die Kirche wesentlich zur Verteilung von Nahrungsmitteln beigetragen (ich bitte um Verständnis, wenn ich die Orte, die ich kenne, nicht erwähne, weil dies eine gewisse Bitterkeit an den Orten hervorrufen würde, die nicht erwähnt werden …). Ein grosses Dankeschön dafür. An manchen Stellen herrschte der Eindruck, dass „die Gemeinde viel getan hat und man nichts von der Pfarrei gehört hat“ (Zitat aus zahlreichen Briefen, ähnlich auch in Bezug auf Vergleiche zwischen Lehrern und Katecheten). Es gab auch viele Gläubige, die an Initiativen teilnahmen, die nicht im Rahmen der Kirche stattfanden: Dies ist natürlich hervorragen, manchmal aufgrund lokaler praktischer Möglichkeiten effektiver, und es ist gut, uns nicht auf die eigenen vier Wände zu beschränken. Lernen wir daraus und handeln wir entsprechend.!

Was macht in dieser für die meisten Schweizer ganz neuen Zeit die Einzigartigkeit unseres Glaubens aus? Ich denke da an die Kombination der Pandemie mit anderen Sorgen (Klimaerwärmung usw.). Als erstes beruht unsere Hoffnung auf Gott! Und doch sind auch wir anfällig dafür, krank zu werden und Krankheiten zu übertragen, und wir sind uns dessen bewusst, weil das Christentum kein reiner Spiritualismus ist: Gott schuf die materielle Welt, gab uns einen Körper, der Sohn Gottes ist Fleisch geworden… Der wahre Hunger nach dem Brot des Lebens erlaubt uns trotzdem nicht, die Augen davor zu verschliessen, dass sogenannte «Unfälle» mit Gluten und Alkohol auch nach der Transsubstantiation ihre Wirkung haben, und dass Kirchenchöre besonders „günstige“ Voraussetzungen für Ansteckungen schufen (bis zum Tod …). Ich wurde direkt angeklagt, fehlenden Glauben aufzuweisen, doch ich kann gerne Gewissenserforschung betreiben, aber, wenn wir Entscheidungen treffen müssen, müssen wir auch vermeiden, Menschenleben auf dem Gewissen zu haben.

Ich habe viel weiter ausgeholt als ich vorhatte, und doch habe ich zu wenig gesagt. Wir sehen den allgemeinen Rahmen, und ausserdem werden die häufig gestellten Fragen auf der Website des Bistums mit Hilfe der interkantonalen Covid-Zelle, der ich danke und die auch von all unseren Fragen abhängt, ständig aktualisiert. Letztendlich liegt es an uns zu prüfen, was da möglich ist, wo wir uns befinden, nach einem gesunden Subsidiaritätsprinzip, über das Sie noch Gelegenheit haben werden, mich sprechen zu hören.

+ Charles Morerod

Auch wenn wir es eigentlich wissen, zeigen wir es viel zu wenig (vielleicht aus falscher Bescheidenheit): es gibt so viel Schönes im Leben der Kirche. Wir können uns darüber beschweren, dass manche Menschen im Leben der Kirche nur darauf hinweisen, was offensichtlich falsch läuft, doch geben wir acht, dass wir auch folgendes nicht vergessen «Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. » (Matthäus 5,15).

Diese allgemeine Überlegung verlangt nach einem Beispiel: der Beitrag der Christen zur Sorge um die Umwelt. Wir kennen das Echo auf die Enzyklika Laudato Si’ in der Kirche: Initiativen in den Pfarreien (mit Hilfe von Fastenopfer und anderen Institutionen), Reflexionen in Klöstern, Erweiterung des anthropologischen Verständnisses am Institut Philanthropos… Das Echo auf diese Enzyklika ist auch ausserhalb unserer üblichen Kreise beträchtlich, und ich habe unzählige Beispiele dafür gesehen, auch in letzter Zeit. Menschen, die noch nie etwas von der Kirche gehört haben, waren angenehm überrascht.

In der heutigen Zeit herrscht oft Hoffnungslosigkeit. Oft hört man Fragen wie: Welche Zukunft hat unser Planet? Haben wir immer noch das Recht, Kinder zu zeugen…? Doch es gibt Hoffnung: Ob wir die Welt mit oder ohne Gott sehen, ist nicht dasselbe. Der grösste Feind unserer Zukunft ist der Egoismus, der auf den persönlichen, kurzfristigen Profit zielt, während wir in unseren Ländern eher das Gegenteil anstreben sollten. Um diese Richtungsänderung einschlagen zu können, muss die Entscheidung aus unserem Inneren kommen, von jenem Ort unserer Entscheidungen, der auch ein Ort der Begegnung mit Gott ist. Der Papst fasst es folgendermassen zusammen: «Andererseits wird jede technische Lösung, die die Wissenschaften beisteuern wollen, machtlos sein, die schweren Probleme der Welt zu lösen, wenn die Menschheit von ihrem Kurs abkommt, wenn die grossen Beweggründe, die das Zusammenleben, das Opfer und die Güte möglich machen, in Vergessenheit geraten»). Wir werden erwartet, zeigen wir, dass die frohe Botschaft alle Lebensbereiche beleuchtet (Laudato Si’, § 200)!

+ Charles Morerod

Von Gott geliebt zu werden, und seine Liebe erwidern zu können, ist etwas Wunderbares und bildet das Herzstück unseres christlichen Lebens. Jeremias hat die Erfahrung gemacht: « Du hast mich betört, o HERR, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt » (Jeremias 20,7). Doch diese Liebe ist nicht immer einfach, wie im gleichen Vers des Propheten mit seinen Klagen veranschaulicht wird: « Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich ».

Die Liebe Gottes ist nicht einfach ein Trost für unser Wohlbefinden (wie vielleicht bei einer anderen Art von Trost). Es wäre auch sehr zweideutig, wenn wir uns damit zufriedengeben würden, dass wir uns zum Gespött machen, einfach weil wir Jünger Christi sind (obwohl dieser Spott oftmals auch daher kommt, weil wir eben zu wenig Jünger Christi sind).

Das Modell der Liebe Gottes ist nicht die Art von Trost, die uns unverzüglich in den Sinn kommt, doch wir sehen den Trost im Kreuz, das zu unserer einzigen Hoffnung wird (O crux ave, spes unica). Wenn wir uns auf uns selber besinnen, haben wir Grund zur Sorge, die sogar in Hoffnungslosigkeit ausartet, vor allem wenn wir den Blick verweilen lassen und vertiefen. Doch bleiben wir nicht bei uns selbst stehen! Wir sind nicht der Grund zur Hoffnung, weder für uns selbst noch für andere; unsere Taufkerze ruft uns dazu auf, der Abglanz des Lichtes zu sein, nicht seine Quelle.

« Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst » (Johannes 1,5). Ich kann nichts Anderes tun, als meinen Finger auf den Herrn zu richten, der unser aller Hoffnung ist, und meine Hoffnung wird begleitet vom Hundertfachen, das Euch alle ausmacht (vgl. Markus 10,30).

+ Charles Morerod

Nehmen wir die an uns gerichtete (nachvollziehbare) Kritik an, um uns den Spiegel vorzuhalten und zu ergründen, was wir sind. Mehrere Worte Jesus helfen uns dabei, dieser Frage auf den Grund zu gehen:

  • Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht. Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen. Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang (Matthäus 23,3-5).
  • Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder (Markus 2,17).
  • … damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreisst (Matthäus 13,29).

Abgesehen von der Tatsache, dass wir nicht die Klarheit des Blicks Jesu haben, um das Unkraut zu erkennen, verkünden wir kein Evangelium, indem wir vorgeben, es selber perfekt zu leben: Wir verkünden es uns selbst, indem wir uns von ganzem Herzen wünschen, es mit der Hilfe Gottes zu leben, aber wir verkünden es nicht von der Höhe einer bereits erworbenen sogenannten Vollkommenheit (das wäre ein Verrat am Evangelium).

In was für einer Kirche könnten wir also tatsächlich sein? Georges Bernanos stellt uns die Frage nach unserer Zugehörigkeit zu einer perfekten Gruppe: «Wenn die Kirche das Schauspiel der Vollkommenheit, der Ordnung bieten würde, wäre Heiligkeit das erste Privileg des Gebots, wobei jeder Rang in der Hierarchie einem höheren Rang der Heiligkeit entspricht, bis zum heiligsten von allen, unserem Heiligen Vater, dem Papst natürlich. Möchtet Ihr eine solche Kirche? Würdet Ihr Euch dort wohl fühlen? Lasst mich lachen, weit davon entfernt, sich wohl zu fühlen, würdet Ihr an der Schwelle dieser Kongregation von Übermenschen stehen und Eure Mütze in Euren Händen haltend, wie ein armer Landstreicher an der Tür des Ritz oder des Claridge» (Georges Bernanos, Les prédestinés, Seuil, Paris, 1983, p.13, der franz. Text ist verbindlich).

Wir bieten weder uns noch anderen eine Religion der nachweisbaren Vollkommenheit an, die durch ständige Bemühungen erlangt wird: Diese scheinbare Hilfe wäre das Rezept zur Hoffnungslosigkeit. Gott bewahre uns davor zu fallen, er helfe uns nach einem Fall wieder aufzustehen, damit diese doppelte Erfahrung die Barmherzigkeit in uns wachsen lässt; damit aus der erhaltenen Vergebung auch Vergebung weitergegeben werden kann. Die erstaunlichen Menschenmengen, die an den Feierlichkeiten zum Jahr der Barmherzigkeit teilnahmen, hatten gezeigt, worin die Sehnsucht liegt.

+ Charles Morerod

In meinem letzten Wort des Bischofs für den diözesanen Newsletter des Monats Juni habe ich den Vorschlag gemacht, dass die Pfarreien Nahrungsmittel sammeln könnten, um sie anschliessend zu verteilen. Diese Initiative brachte mir viel Dankbarkeit ein (bereits am selben Tag von einer Kassiererin im Supermarkt, in dem ich einkaufte), aber auch verlegene Anfragen von einigen Pfarreiverantwortlichen: « Wie sollen wir vorgehen? » Solche Fragen gelangten an mich auch über indirekten Weg von Personen, welche eine Lebensmittelverteilung organisierten (in diesem Fall in Freiburg, doch glücklicherweise gab es viele solcher Orte): Eine solche komplexe Verteilung erfordert Koordination. Das Verteilen von Taschen mit möglichst einheitlichem Inhalt an Hunderte von Menschen – gemäss Standards der kantonalen Gesundheitsdienste, wenn möglich durch das zur Verfügung stellen von Räumlichkeiten, in denen Lebensmittel gesammelt werden können, möglicherweise durch Sammeln nicht verkaufter Produkte – erfordert Infrastruktur und Organisation jenseits der Möglichkeiten der meisten unserer Pfarreien. Ich sehe es aber als grossartige Möglichkeit für Gläubige und Pfarreien, mit anderen zusammenzuarbeiten, in der Sorge um dieses wesentliche Allgemeingut: Nahrung. Wir können diesbezüglich individuell unseren Beitrag leisten, indem wir unsere Pfarreien unterstützen und beispielsweise Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.

Wir beenden eine Zeit des Lockdowns, und beginnen eine Periode, die normalerweise den Ferien gewidmet ist… Ich wünsche Ihnen eine friedliche Zeit (Ferien, die für viele in diesem Jahr weniger weit entfernt verbracht werden als vielleicht ursprünglich geplant).

+ Charles Morerod

Während dieser Osterzeit durften wir uns zumindest an Pfingsten versammeln. Dies ist ein Grund zur Freude und Trost des Heiligen Geistes! Doch dies bedeutete auch einen grossen Arbeitsaufwand für unsere Pfarreien, und ich danke allen Menschen (insbesondere den Sakristanen/-innen) herzlich, die Grosses geleistet haben, um unsere Kirchen auf Liturgien vorzubereiten, die die Vorgaben respektieren und gleichzeitig der Seele und dem Körper Gutes tun, denn unsere Religion der Inkarnation umfasst diese beiden Dimensionen. Ich danke auch allen Menschen und Pfarreien, die kurzfristig und nicht ohne Schwierigkeiten an der Sammlung von Lebensmitteln teilnahmen; ein Zeichen, das auch wesentlich ausserhalb unserer eigenen Mauern wahrgenommen wird. Denn in unserem persönlichen und gemeinschaftlichen christlichen Leben geht es nicht nur um spirituellen Durst (auch hier: wir sind eine Religion der Inkarnation), sondern auch um materiellen Hunger. Sicher, wir delegieren die Sozialhilfe heute an den Staat und an spezialisierte Organisationen, aber wenn wir diese dringend benötigte Nächstenliebe nur von unserem Geldbeutel abhängig machen würden, würde eine Seite der Kirche verleugnet, die von vielen als die noch einzig glaubwürdige Seite der Kirche wahrgenommen wird.

Niemand weiss, was die Zukunft bringen wird: Die Zeit, in der wir uns befinden, hat uns gelehrt, dass bestimmte Selbstverständlichkeiten illusorisch waren, und dies betrifft unsere gesamte Gesellschaft. Wir werden alle dazu aufgefordert, unser früheres «normales» Leben zu hinterfragen, und auch, wie es nun weitergehen soll. Ich persönlich beabsichtige, nicht vollständig wie zuvor weiterzufahren, und ich hoffe, dass wir unseren Rhythmus und unsere Gewohnheiten ändern können. Es liegt nicht nur in Menschenhand: Gott allein weiss es, bitten wir den Heiligen Geist uns zu leiten.

Ich freue mich darauf, Sie wiederzusehen!

+ Charles Morerod

Zu Recht und glücklicherweise bitten uns viele darum, die Eucharistie empfangen zu dürfen, und sagen, dass ihnen die Begierdekommunion nicht ausreicht. Dies ist eine berechtigte und freudenbringende Anfrage: Wenn dieses Verlangen nicht vorhanden wäre, käme der Wunsch nicht aus tiefstem Herzen, auch nicht nach der Begierdekommunion. Ich hoffe natürlich, dass wir so schnell wie möglich wieder echte Liturgien feiern können, während wir Sicherheitsmassnahmen einhalten, die wahrscheinlich noch sehr lange andauern werden. Diese Entscheidungen liegen jedoch in erster Linie nicht bei uns. Unsere Bürgerpflicht veranschaulicht die Beziehung zwischen Natur und Gnade, oder zwischen Glauben und Vernunft. Zu glauben befreit uns nicht von der Einhaltung der Hygienevorschriften; wie Jacques Maritain sagte, müssen wir «unterscheiden, um uns zu vereinen».

Während dieser Zeit wird unser christliches Leben nicht unterbrochen und kann auf verschiedene Arten gelebt werden, abgesehen vom persönlichen und familiären Gebet. Auch wenn die Schweiz weniger stark betroffen ist als einige ihrer Nachbarländer (vor allem Italien und Frankreich), stürzt doch das Fehlen des notwendigen Einkommens viele Leute in die Not, sogar in Hungersnot, und dies wird wahrscheinlich sogar noch zunehmen. Das Sozialsystem kann nicht jeden Fall voraussehen, und sogar der Staat zählt auf unsere Mithilfe, um diese Lücken zu finden und Hilfe zu leisten. Es liegt an uns, diesen Menschen nahe zu sein. Selbstverständlich sollen wir nicht nur den hungerleidenden Menschen nahe sein, sondern auch den Menschen, die alleine sind oder zu wenig Freiraum haben (beengte Familienverhältnisse). Mir wurde die Frage gestellt, ob die Priester trotz der fehlenden Gottesdienste weiterarbeiten? Sicher, denn die Aufgaben eines Priesters beschränken sich nicht nur auf die Gottesdienste, und es gibt nicht nur Priester, die für die Kirche arbeiten, doch wir können auch die Gelegenheit nutzen, auf andere Art Kontakt aufzunehmen, wie es meines Wissens schon viele tun: zum Beispiel die Gläubigen anzurufen, oder sie aufzufordern, von sich aus mit uns in Kontakt zu treten. Dort, wo die Pfarreiblätter weiterhin versandt wurden, werden sie sehr geschätzt. Sie können auch ihre Gebetsanliegen mit uns teilen, wie wir es jetzt auf der Webseite unserer Diözese tun.

+ Charles Morerod

Niemand hätte erwartet, mit einer Situation konfrontiert zu werden, wie wir sie jetzt erleben, mit ihren Tragödien und ihrem Heldentum. Zu den Tragödien zählen in erster Linie die akuten Formen der Krankheit und ihre Todesfälle (mit den Trauerfeiern ohne die Anwesenheit der Freunde), aber auch das Verschieben von planbaren medizinischen Eingriffen, Angst vor Betriebsschliessungen und dem Verlust der Arbeit, familiäre Spannungen etc. Einige Berufsgruppen gehen erhebliche Risiken für das Allgemeinwohl ein: natürlich das Pflegepersonal, doch auch KassiererInnen, Buschauffeure, Polizisten, ArbeiterInnen in verschiedenen Bereichen, zahlreiche Reinigungsunternehmen, usw.

Diejenigen, die am meisten unter dieser Situation leiden, sind die Kranken oder ältere Menschen, die keinen Besuch mehr empfangen können (von ihrer Familie, aber auch von Seelsorgenden…). Wenn es ein grundlegendes, menschliches und christliches Anliegen gegenüber leidenden Menschen gibt, ist es sicherlich der Wunsch, ihnen gegenwärtig zu sein. Das Christentum ist eine Religion der Gemeinschaft, doch wir können uns nicht mehr versammeln (was auch richtig ist, da jede Versammlung die Ausbreitung einer schmerzhaften, manchmal tödlichen Krankheit fördert). Wir können nicht mal Ostern gemeinsam feiern.

Lasst uns diese Situation, die wir nicht beeinflussen können, dazu nutzen, neue Gewohnheiten aufzunehmen und/oder alte beizubehalten, beginnend mit dem Lesen des Wort Gottes. Wenn wir nicht direkt an einem Gottesdienst teilnehmen können, können wir meditieren (auch in der Familie), zum Beispiel über die Lesung des Tages. Und natürlich auch andere Lesungen reflektieren, den Rosenkranz beten, das Stundengebet usw. Ich erhalte in diesen Tagen viele schöne Rückmeldungen dieser Art. Wir sind uns auch bewusst, dass eine beträchtliche Anzahl von Gläubigen, insbesondere ältere Menschen, auf übliche Weise „von Ferne“ an unseren Gemeinschaften teilnehmen: da sie das Haus oder die Wohnung nicht mehr verlassen können, nehmen sie per Fernsehen an den Gottesdiensten teil, beten für sich, und sind somit verborgene Säulen unserer Gemeinschaft. Und jetzt werden wir alle ein wenig so… Stellen wir uns in dieser Zeit von unbestimmter Dauer die Frage, wie wir danach das Leben in unseren Gemeinschaften wiederaufzunehmen gedenken, mit der Erfahrung eines Glaubens, der in einer gewissen Einsamkeit entstanden ist, und den Überlegungen, die ermöglicht wurden, gerade dadurch, dass wir ein wenig mehr Zeit dafür hatten. Auch wenn wir nicht mehr die Freude und den Trost des Gebets am selben Ort teilen können, gerade auch in den Osterliturgien, sind wir weder allein noch weit weg: Der Heilige Geist ist in unseren Herzen ausgegossen, er vereint und inspiriert uns. Wenn wir Gott nahe sind, sind wir einander nahe. Wenn wir glauben, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist, hat auch jeder Moment seine Bedeutung, die Gott kennt: Bitten wir ihn, uns zu helfen, im Glauben und im Gebet zu leben, und so wird es zu einer gesegneten Zeit. Wir können auch im Kontakt bleiben, indem wir telefonieren oder Nachrichten schicken an Pfarreimitglieder, welche in ihrer Freiheit eingeschränkt sind.

Die Begierdekommunion ist eine Gnadenwirklichkeit, und wir können sie am Gründonnerstag leben und uns von den Gemeinschaften japanischer Christen inspirieren lassen, die zweieinhalb Jahrhunderte auf die Eucharistie gewartet haben. Karfreitag erfahren wir, wie sehr Gott mit uns ist (Immanuel); auch wir haben Kreuze bei uns zu Hause aufgestellt, die wir anbeten können! Auch im Flehen darum, aus unserer Einsamkeit auszubrechen, können wir die Freude der Auferstehung empfangen: Christus ist wahrhaftig auferstanden und dies verändert die gesamte Perspektive unseres Lebens. Also kann ich euch wirklich sagen: Frohe Ostern!

+ Charles Morerod

Seiner Verpflichtung treu bleiben

Kürzlich sagte mir jemand, dass man entweder homosexuell oder ein desillusionierter Utopist sein müsse, um das priesterliche Zölibat zu akzeptieren. Ich fragte mich daraufhin, wo ich mich selber in diesen Optionen sehe, doch ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen. Ich würde die Aussage vielmehr anders formulieren (und zwar unabhängig von der sexuellen Orientierung): Wir können unser Engagement in dem Masse leben, wie wir von unserer Begeisterung für den Glauben, für unsere Gottesliebe und für unsere Freude das Evangelium zu verkünden, getragen werden. Doch das Bewusstsein der Gleichgültigkeit in unserer Zeit gegenüber unserer Verkündigung, kann unseren Enthusiasmus mit der Zeit dämpfen: Entweder wird er vertieft, fängt an zu bröckeln, oder verschwindet manchmal sogar gänzlich. Es scheint mir, dass wenn diese Reduzierung der Begeisterung auch noch durch ein Doppelleben begleitet wird, man versuchen muss und kann, die anfängliche Flamme wieder anzufachen (und zu schüren), indem man sich helfen lässt, oder man wird sich letztendlich verabschieden (wenn man kann). Ein solcher Entschluss kann aber auch Anlass für einen Neuanfang im Glauben sein, denn wie wir es alle schon mal erlebt haben, Gott verlässt uns nicht. Ein solcher Schritt kann ebenso heilsam sein, aus Liebe zur Wahrheit.

Ich konnte mich noch nie mit einer Hexenjagd, aus welchem Grund auch immer, anfreunden, noch mit dem Stöbern in den persönlichen Angelegenheiten anderer Personen. Ich denke oft an die Aussage von John Henry Newman, der zeitgleich mit Marguerite Bays heiliggesprochen wurde, als er sich weigerte, dass ihn anglikanische Studenten nach Littlemore begleiteten (wohin er sich zurückzog, um über seinen möglichen Übertritt zur katholischen Kirche zu meditieren): «Mein erster Grundsatz war immer: ´Leben und leben lassen» («My great principle ever was, Live and let live», Apologia pro vita sua, Part 4. History of My Religious Opinions). Unter diesem Gesichtspunkt vertraue ich darauf, dass jeder selbst erkennt, wie er seine Loyalität gegenüber seinen Verpflichtungen leben oder (auch mit externer Hilfe) wiederfinden kann, ohne den Wert des Dienstes eines Priesters, der in Schwierigkeiten steckt, zu unterschätzen, noch die Möglichkeit dadurch in Demut zu wachsen (wer sich für perfekt hält, kann erdrückend wirken). Was bleibt ist die Tatsache, dass die Evangelisierung, so wie die Priester sie sich zur Aufgabe machen, in direktem Zusammenhang steht mit einem Geschenk seiner selbst durch die Gottes- und die Nächstenliebe: Ich bin sicherlich nicht der einzige von uns, der sagen kann, dass ich dieses Geschenk nicht bereue und dass ich es nur mit der Hilfe Gottes leben kann.

Wenn sich auch viele unter Euch schockiert oder zumindest betroffen zeigten, dass ich sagte, ich sei vom Vertrauen zum Misstrauen übergegangen (im Grunde genommen, «Misstrauen, oder Vorsicht»), sollt Ihr doch wissen, dass ich Euch mein Vertrauen aussprechen möchte!

Unterstützen wir uns gegenseitig durch das Gebet und den vertrauensvollen Dialog. Und ich stehe Euch gerne zur Verfügung.

+ Charles Morerod

Das Evangelium vom vorderen Sonntag überrascht mich wie eigentlich das ganze Evangelium: Obwohl es bekannt ist, so kennen wir es trotzdem nicht wirklich (und so wird es auch sein, wenn wir es das nächste Mal lesen). Jesus sagt: «Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.» (Mt 4,17). Als Folge dieses Aufrufs verliessen Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes alles und folgten Jesus nach.

So wird man also zum Jünger. Man beginnt damit, Jesus und die Nähe des Reiches Gottes zu sehen: Es liegt an uns, die Gegenwart des Reiches Gottes wahrzunehmen, denn es ist unauffällig. Es wird auch niemand als Christ geboren (auch wenn wir in eine christliche Familie hineingeboren und als Kind getauft wurden): wir sind es nur, wenn wir uns ständig Christus zuwenden, dies bedeutet unter anderem auch, dass wir uns nicht selbst in den Mittelpunkt stellen (denn je nach gewähltem Mittelpunkt werden wir sehr unterschiedliche Arten von «Reich» vorfinden, eine Gesellschaft, in der der Platz der Aussenseiter und Randständigen ganz anders sein wird). Christus in den Mittelpunkt zu stellen heisst, alles (meinen Nächsten, aber auch mich selbst) im Lichte Christi zu sehen, der sein Leben für uns hingibt.

Leben wir dieses Evangelium, um mit Hilfe des Heiligen Geistes die schönen Zeichen der Gegenwart des Reiches Gottes zu erkennen, und auf dieser Grundlage immer mehr unsere eigene Bekehrung zu erstreben. Ich glaube, trotz der vielen traurigen Dinge, die wir in dieser Welt sehen, sehen wir vor allem auch grosse Zeichen der Hoffnung (zuweilen zu erkennen gerade durch die Ursachen der Traurigkeit) und der Freude.

+ Charles Morerod

Der Sohn Gottes ist Mensch geworden. Die Weihnachtszeit bietet uns die Gelegenheit zu hinterfragen, inwiefern sich damit etwas ändert, auch in persönlicher Hinsicht: Welchen Unterschied macht das für mich? Ich muss zugeben, dass auch mich diese Frage belastet hat, als ich mich bei Weihnachtsgottesdiensten mit Gefangenen konfrontiert sah: die Erwartungen waren gross, sollte ich ihnen nur eine kleine Auszeit schenken, bevor sie wieder in den Gefängnisalltag zurückkehrten? Nun, manchmal kommt uns der Heilige Geist zu Hilfe, und ich sprach zu ihnen über etwas Anderes als das, was ich eigentlich geplant hatte. Ich erinnerte mich, als ich im Zug auf dem Weg zum Begräbnis eines Priesters war, an das Lob einiger Personen, die ebenfalls an seinem Begräbnis teilnehmen wollten: «Wenn man ihn sah, dann sah man Jesus!» Welch wunderschöner Nachruf, doch gleichzeitig liegt darin auch eine tiefe Wahrheit, nämlich der Grund, weshalb Gottes Sohn Mensch geworden ist: Dass wir bei unserer Taufe das Leben von Gott geschenkt bekommen; und dass wir mit jeder Eucharistiefeier zu dem werden, was wir empfangen. Wir werden zum Leib Christi, sowohl auf gemeinschaftlicher wie auch auf persönlicher Ebene. Jesus kann zu Saul sagen « Saul, Saul, warum verfolgst du mich?» (Apostelgeschichte 9,4), und zu uns «Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Matthäus 25,40) und «Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan» (Matthäus 25,45). Dies ist unsere Berufung: Wenn man uns sieht, sieht man Christus.

Eine Perspektive, die den Gefangenen geboten werden kann: Es geht nicht nur darum, „ein wenig zu kompensieren“ und auf eine ungewisse Wiedereingliederung zu hoffen. Manchmal wird ein Ziel nicht erreicht, weil es – nach unserem Ermessen – zu sehr eingeschränkt wird. Der Christ wird aufgerufen, ein alter Christus (ein anderer Christ) zu sein, und dies ist weder für einen Gefangenen noch für uns unmöglich, weil es nur nach unseren Massstäben unmöglich ist, wenn wir uns an die eigentliche Menschwerdung und an das Gleichnis des Nadelöhrs erinnern. «Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich» (Lukas 18,27).

Engen wir Weihnachten nicht zu sehr ein. Gehen wir nicht sparsam mit unserer Hoffnung und der Hoffnung, die wir anderen schenken, um. Gottes Sohn ist nicht Mensch geworden, damit wir Pausen in unser religiöses Leben einbauen und weiterleben, als ob er nicht zu uns gekommen wäre. Er ist gekommen, um uns sein Leben zu schenken. Nehmen wir das Leben an und leben es.

+ Charles Morerod

Unsere Welt wird von vielen Sorgen geprägt, welche ich im Übrigen teile. Diese Sorgen mischen sich mit unterschiedlichen Hoffnungen (zum Beispiel: nur neue wissenschaftliche Erkenntnisse helfen auch neue Fragen zu beantworten). In dieser Situation rechtfertigt die christliche Hoffnung keine Resignation, sondern bringt Licht hinein. «Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe» (Luk 1,78).

Die Adventszeit ist eine Zeit der Hoffnung, die auf der Erfüllung alter Verheissungen beruht, die sich uns an jedem Adventssonntag entfalten. Meditieren wir über die Textstelle der Erwartung, die ursprünglich in diesen Texten ausgedrückt wurde, und die Bedeutung, die sie im Licht Christi annehmen (diese Texte finden sich im Evangelium und in unserer Liturgie wieder):

  1. Sonntag: «Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen. Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem» (Jesaja 2,2-3).
  2. Sonntag: «Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des HERRN ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN» (Jesaja 11,1-2).
  3. Sonntag: «Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt, denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe» (Jesaja 35,5-6).
  4. Sonntag: «Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet? Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben» (Jesaja 7,13-14).

Sicher, nicht alles hat sich gänzlich verwirklicht. Wir sind noch nicht ganz hier angekommen: «Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie» (Jesaja 11,6). Der Advent geht gewiss dem Weihnachtsfest voraus, aber auch dem Karfreitag; wir sind noch nicht an Ostern angekommen. Aber die Erfüllung der bereits erreichten alten Verheissungen bestätigt unseren Glauben an das, was noch kommt. Unsere christliche Hoffnung ist ein Geschenk, das wir erhalten, um es einer besorgten Welt zu übermitteln.

+ Charles Morerod

Es gibt Feiern, die verwechselt werden, und man hat sich mit dieser Verwechslung fast abgefunden. Ein typisches Beispiel dafür ist Allerheiligen und Allerseelen. Im Übrigen erhofft man sich, dass viele dieser Toten auch an Allerheiligen gefeiert werden. Anders ausgedrückt, bei all unseren Aktivitäten scheint mir, dass der Beerdigungsdienst am meisten Dankbarkeit hervorruft. Vermutlich haben wir alle schon mal diese Erfahrung gemacht: Menschen, welche nur wenig Kontakt mit der Kirche haben, erzählen gerne und sichtlich bewegt von der Unterstützung, die sie von Seiten der Kirche erfahren durften, von Empathie und Glaubenszeugnis bei unerwarteten, aber leider notwendigen Begegnungen. Es ist so wertvoll, in Zeiten der Not nicht alleine gelassen zu werden, und die Auferstehung ist der Kern unseres Glaubens. Bei meinen vielfältigen Begegnungen erhalte ich in diesem Zusammenhang viel Dank, diesen Dank möchte ich weitergeben und wiederaufnehmen: Danke für die Zeit, die Sie trauernden Menschen widmen!

+ Charles Morerod

Wir beginnen einen Monat, den Papst Franziskus zum ausserordentlichen Monat der Weltmission erklärte, mit dem Fest der heiligen Theresa vom Kinde Jesus, dieser Patronin der Missionen, die mit 16 Jahren in den Orden der Karmeliten eintrat und mit 24 Jahren verstarb: Ihre Mission war es, sich als Antwort auf die Hingabe Gottes in ihrem täglichen Leben im Kloster selbst hinzugeben. Ich neige dazu, in der Mission der „kleinen Therese“ die Auswirkungen dessen zu sehen, was die „grosse Therese“ sagte: « Quien a Dios tiene, nada le falta, solo Dios basta (Wer Gott hat, dem fehlt nichts. Gott allein genügt). Die erste Bedingung der Mission ist, bei Gott zu sein, auch weit weg von allen Blicken.

Wir befinden uns auf einer Mission in einer zerbrochenen Welt, überflutet von materiellen Dingen und Ideen. Ich werde nachdenklich ob der Diversität (ich sage nicht « Dispersion ») der Fragen, die gestellt werden. Ich denke da zum Beispiel an die extreme Diversität der Fragen von Firmlingen (wir müssen alle beantworten, aber einige interessieren sich nicht für die Fragen der anderen, ihre inneren Welten sind unterschiedlich).

Unsere Mission bietet sich als Mittelpunkt in dieser zerbrochenen Welt an, und die vielfältigen Fragen, die wir in vielerlei Hinsicht erhalten, veranschaulichen die Suche nach Gott, oder die Frage nach « Gott und ich» / « Gott und wir ». Anders ausgedrückt: Wir suchen nach einem spirituellen Kompass, hat uns die Kirche in diesem Zusammenhang etwas zu sagen, oder müssen wir tatsächlich anderswo suchen? So gesehen ist es beunruhigend, dass sich viele junge Menschen auf der Suche nach Spiritualität nicht einmal vorstellen können, dass die katholische Kirche etwas dazu beitragen könnte. Mission bedeutet aber genau, dass wir mit Gottes Blick sehen und sehen dürfen: « Der Glaube an Jesus Christus gibt uns die richtige Dimension aller Dinge, denn er lässt uns die Welt mit den Augen und dem Herzen Gottes sehen; die Hoffnung öffnet uns für die ewigen Horizonte des göttlichen Lebens, an dem wir wahrhaft teilhaben; die Liebe, die wir in den Sakramenten und der brüderlichen Liebe vorauskosten, drängt uns bis an die Grenzen der Erde».1

Ich möchte dazu ein Beispiel für die ursprüngliche Mission in Simons Treffen mit Jesus geben: « Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heisst übersetzt: Christus. Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels. » (Johannes 1,40-42). Simon wurde zu Jesus gebracht, und diese Begegnung hat ihn geprägt. Ich erinnere mich auch an die Antwort einer Studentin auf meine Frage (in einem Restaurant in Genf), warum sie getauft werden möchte: « Wegen meiner Freunde gehe ich zur Kirche. Ich lese das Evangelium. Ich sehe Jesus, ich liebe ihn, ich will mit ihm sein ».

Lasst uns unter den Freunden, die uns zu Christus führen können, Marguerite Bays um Hilfe bitten: Es ist auch ihre Rolle, hier bei ihr.

+ Charles Morerod

1 Botschaft von Papst Franziskus zum Weltmissionssonntag 2019

Da der Monat September kurz nach dem Fest der Hl. Erzengel Michael, Gabriel und Raphael endet, lasst uns ein wenig über die Rolle dieser diskreten Akteure vieler biblischer Ereignisse meditieren (insbesondere Gabriel bei der Verkündigung des Herrn). Was wir sicherlich im Glauben sagen können, ist, dass sie auf intelligente Art und Weise nach dem Plan Gottes handeln können, insbesondere als « Boten » (denn dies ist auch die Bedeutung ihres Namens). Und dass uns Michael verteidigt und Raphael heilt. Dies ist aber auch eine Gelegenheit, über den Unterschied zwischen Engeln und uns nachzudenken, denn eine allfällige Verwechslung birgt ein Risiko: « Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück will es, dass, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht. » (Blaise Pascal, Pensées VI: Les philosophes, Lafuma 358). Wer vorgibt, rein spirituell zu sein, ist einer schnellen Enttäuschung ausgesetzt. Es gibt viel Materie in unserer Religion, und ihre Rituale werden allzu oft als zu wenig spirituell wahrgenommen. Doch was ist mit der Menschwerdung Gottes und der Auferstehung des Fleisches? In seiner Beziehung zu uns weiss Gott, dass wir keine Engel sind, und er berücksichtigt unsere materielle Dimension und die Rolle unserer Sinne; es ist nicht Unzulänglichkeit von ihm, sondern ein Zeichen seiner zuvorkommenden Liebe, die unsere Mängel berücksichtigt.

+ Charles Morerod