Ich schreibe Ihnen im Anschluss an Pfingsten. Die Erfahrung der sechs Erwachsenenfirmungen ist mir noch sehr präsent. Man spürt hautnah das Wirken Gottes und die Vielfalt seiner Gaben.
Und am Pfingstmontag hat uns Papst Leo XIV. seine Enzyklika Magnifica Humanitas[1] geschenkt. Die Wahl seines Namens Leo zeigt eine bewusste Anknüpfung an die Soziallehre der Kirche, die sich auf die Enzyklika Rerum novarum von Leo XIII. (1891) bezieht. Leo fasst übrigens zusammen, was die nachfolgenden Päpste seit 1891 zu diesem Thema geschrieben haben, und zitiert seinen Vorgänger Paul VI., um auf die Notwendigkeit situationsgerechter Antworten hinzuweisen: „[…] der heilige Paul VI. [erkannte], dass es angesichts der grossen Vielfalt geschichtlicher Situationen unrealistisch ist, zu denken, dass die Soziallehre eine einzige Antwort geben kann, die für alle Kontexte gültig ist; deshalb forderte er alle christlichen Gemeinschaften auf, mit klarem Blick und mit Verantwortungsbewusstsein die Gegebenheiten ihres jeweiligen Landes zu betrachten.“ (§ 26). Im Zentrum der Soziallehre steht die Würde der menschlichen Person.
Papst Franziskus hatte das Thema Ökologie in die Soziallehre aufgenommen (in seiner Enzyklika Laudato Si’ von 2015). Sein Nachfolger zeigt nun auf, wie das Thema der künstlichen Intelligenz (KI) darin integriert werden kann. Er will weder deren Nutzen leugnen noch in dieser sich entwickelnden Frage ein endgültiges Urteil fällen, sondern wirft Fragen zu den Auswirkungen auf den Menschen auf. Dabei geht es zum Teil um direkt wirtschaftliche Auswirkungen (Verlust von Arbeitsplätzen, ungleicher Zugang zu dieser Ressource, Bedingungen der Rohstoffgewinnung und des Energieverbrauchs…), im Zentrum der Frage steht jedoch eine Vision der Menschheit, die er uns als grossartig vorstellt.
Eine Passage hat grosse Aufmerksamkeit erregt: „KI zu entwaffnen bedeutet, sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist“ (§ 110). KI präsentiert sich als Ausgleich für die menschlichen Grenzen. Der Papst kommentiert: „[…] im Guten aufzubauen [bedeutet], die Begrenztheit und Schwäche des Menschen zu akzeptieren, ohne sie als einen Fehler zu betrachten, der korrigiert werden müsste“ (§ 12). Er fügt hinzu, dass der Glaube zwar eine Verbesserung ins Auge fasst, aber auf einer ganz anderen, buchstäblich übernatürlichen Ebene: „Der Ausdruck more than human gehört nicht allein zur Sprache der Verheissungen der Technik. Seit Jahrhunderten macht die christliche Tradition geltend, dass der Mensch nicht auf die Grenzen seiner Natur beschränkt ist, sondern dazu berufen, sich selbst zu übersteigen: nicht um der Wirklichkeit zu entfliehen oder um Begrenzungen zu missachten, sondern um in der Liebe vollendet zu werden. Der Glaube weiss um ein „Darüber-Hinaus“, das aus der Gnade Gottes kommt“ (§ 127).
Dieser augustinische Papst knüpft an «De civitate Dei» an, indem er eine Sicht der Geschichte als Aufbau zweier Städte darlegt: „‘Zweierlei Liebe also hat die beiden Städte gegründet, und zwar die weltliche Stadt die bis zur Verachtung Gottes gesteigerte Selbstliebe, die himmlische Stadt die bis zur Verachtung ihrer selbst gehende Gottesliebe.’“ (Zitat aus De civitate Dei von Augustinus in § 130). Eine interessante Variante dieser Dynamik findet sich, wenn der Papst sagt: „[…] die erste Entscheidung [ist…] nicht die zwischen einem „Ja“ oder einem „Nein“ zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel oder dem Wiederaufbau Jerusalems, zwischen einer Macht, die sich anmasst, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht, die Mauern des geschwisterlichen Zusammenlebens wiederaufzubauen“ (§ 9).
Die Enzyklika, wenn sie sich mit dem durch KI erleichterten Zugang zu Informationen befasst, fordert die Kirche in diesem Zusammenhang auch zu einer Gewissensprüfung auf: „Auch die christlichen Gemeinschaften müssen an einer transparenten Kommunikation und ehrlichen Suche nach Fakten mitwirken. Leider ist dies nicht immer der Fall gewesen. Mit Scham haben wir miterlebt, wie schmerzhafte Wahrheiten auch über Mitglieder der Kirche und über kirchliche Wirklichkeiten ans Licht kamen. Insbesondere einige Journalisten, denen die Wahrheit am Herzen liegt, haben eine wesentliche Rolle dabei gespielt, Ungerechtigkeit und Missbrauch ans Licht zu bringen. An sie möchte ich erneut die Worte richten, die Papst Franziskus in seiner Ansprache vor den Vatikan-Korrespondenten sagte: ‘Ich danke euch auch für eure Berichte darüber, was in der Kirche nicht stimmt, dafür, dass ihr uns helft, es nicht unter den Teppich zu kehren, und für die Stimme, die ihr den Opfern von Missbrauch gegeben habt’. Wachsamkeit und Transparenz sind jedoch in erster Linie eine schwerwiegende Verantwortung der Kirche selbst, und wir dürfen nicht darauf warten, dass andere uns zwingen, uns mit unbequemen Wahrheiten über uns selbst auseinanderzusetzen“ (§ 138).
Ich schliesse mit einer persönlichen Erfahrung. Auf die Frage «Was würdest du einer Person sagen, die leidet?» antwortet die KI mit einer langen Theorie. Doch ein Mensch, der einem anderen Menschen gegenübersteht, verfügt über ein Einfühlungsvermögen, das ihn manchmal dazu veranlasst, gar nichts zu sagen, anstatt eine Theorie von sich zu geben, sondern einfach nur da zu sein.
+ Charles Morerod OP
[1] https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html