Ein Brief, den Abbé Charles Journet am 18. Februar 1927 an seinen Freund Jacques Maritain schrieb, ist in der heutigen Zeit in zweierlei Hinsicht von Interesse. Zunächst schreibt Journet darin an Maritain: „Dann müssen Sie fünfzehn Tage lang ein vegetatives Leben führen und sich zwingen, an nichts zu denken. Danach wird es Ihnen besser gehen.“1 Das ist ein weiser Rat, von dem ich hoffe, dass er auch heute noch Anklang findet.
Kurz darauf wird in demselben Brief auf die Tätigkeit von Jacques Maritain eingegangen: „Ich glaube nicht, dass die Untersuchung über die A.F. [Action Française] einfach ist, sie ist sogar furchtbar schwierig, und bei jedem anderen als Ihnen hätte ich Angst. Bei Ihnen habe ich nie Angst. Es gibt Gebete, die Sie umgeben und Sie stützen. Aber ich würde es vorziehen, wenn Sie alle Sorgen beiseite lassen würden, bis Sie sich erholt haben. Das wird keine verlorene Zeit sein“²
Die Action Française entstand aus der Initiative von Charles Maurras, einem agnostischen Bewunderer dessen, was er als gesellschaftlichen Einfluss des Katholizismus im Ancien Régime ansah. Das Vichy-Regime – das Regime von Marschall Pétain, der mit Nazi-Deutschland kollaborierte – war unter anderem von seinem Einfluss geprägt. Charles Maurras wurde übrigens 1945 verurteilt.
Ich habe weder Kardinal Journet noch den Philosophen Jacques Maritain persönlich gekannt. Dagegen kannte ich ihren Freund und „Schüler“ (mit eigenständigem Geist) Georges Cottier sehr gut, der mich übrigens zum Bischof geweiht hat. Kardinal Cottier bedauerte jedoch, dass allzu oft der Zusammenhang zwischen der Strömung der „Action Française“ und der Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch bestimmte französische Katholiken übersehen werde und dass man sich durch die Beschränkung auf Überlegungen zum inneren Leben der Kirche eines ganzheitlichen Verständnisses beraube. Das Zweite Vatikanische Konzil beinhaltet eine Weltanschauung, die „Action Française“ eine andere …
+ Charles Morerod OP
1 Übersetzung von: Charles Journet, Brief vom 18. Februar 1927 an Jacques Maritain, in: Correspondance Journet-Maritain, Bd. 1, Éditions Universitaires, Éditions Saint-Paul, Freiburg – Paris, 1996, S. 477.
2 Ebd.